Die Gedenkstätte???????????????????????????????

Freitag Mittag – wir machen heute eher Schluss und treffen uns im Parkhaus. Es geht Richtung Grenze CH/F. Dort gibt es detaillierte Pläne für den nächsten Treffpunkt. Falls ein Auto verlorengeht… Aber das Kolonne-Fahren klappt gut. Nach der Autobahn geht es in Serpentinen in die Vogesen hinauf. Bis wir auf einem großen Parkplatz halten, uns wandertechnisch ausrüsten. Wir sind auf dem Silberloch-Pass, wo sich eine nationale französische Gedenkstätte befindet. In ihr liegen die Gebeine von 12000 unbekannten Soldaten. Darüber liegt auf einer grossen Marmorfläche eine Art Altar, an dem zwölf grössere französische Städte mit ihren Wappen verewigt sind. Sie hatten die Gedenkstätte, die 1932 eingeweiht wurde, durch freiwillige Beiträge mitfinanziert.

???????????????????????????????Von hier oben schaut man über ein riesiges Kreuzmeer – einen Soldatenfriedhof mit 1256 Kreuzen. Und sechs Ossarien („Beinhäuser“) für 386 anonyme Soldaten.

Mitten drin und sehr hoch flattern die französische Flagge im Wind. Wir gehen den Gräberabhang hinunter, bleiben hier und dort stehen, lesen die Namen der Toten. Ein einziges Grab ist mit Kunstblumen geschmückt, alles anderen gleichen in ihrer Schlichtheit einander. Ergebnisse des 1. Weltkrieges…

DSC01290Wir tauchen in den gegenüberliegenden Wald ein. Der Weg geht bergauf und wir nehmen einen Abzweig linkerhand. Unser Guide hat als Kind hier gespielt, als Teenager oft Entdeckungstouren gemacht, fasziniert von den Überresten des Krieges, die allerorten noch zu sehen sind. Stacheldrahtverhaue,  Bombentrichter, Laufgräben…

Wir sind am Hartmannsweilerkopf im Elsass.

Der Todesberg

DSC01304Es ging um wenig. Um einen Blick ins Rheintal, eine Eisenbahnlinie und ein paar Quadratkilometer. „Ruhige Front“ hieß das Elsass im Ersten Weltkrieg. Die Bergkuppe Hartmannsweilerkopf, 956 Meter hoch, war ein Nebenkriegsschauplatz. Dennoch starben hier bis zu 30.000 Soldaten. Vier Jahre lang lagen deutsche und französische Truppen in den Schützengräben auf dem Hartmannsweilerkopf, der in Frankreich „Vieil Armand“ heißt. Vier Jahre war der Hartmannsweilerkopf eine toxische Welt für sich.

???????????????????????????????Systematisch trieben deutsche und französische Soldaten Stollen in die Bergkuppe, bis sie durchlöchert war. Die Deutschen verlegten ihren Telefondraht unterirdisch und verwendeten gewalzten Stahl für die Schutzzäune. Die sollten verhindern, dass die Handgranaten des Feindes in die Schützengräben rollten. Die Franzosen verlegten die Telefonkabel oberirdisch und benutzen für die Schutzzäune gewickelten Stahl. Feine Unterschiede in der Kriegsführung.

DSC01376Die deutschen Soldaten verschanzten sich in Bunkern, die Franzosen bauten Blockhäuser. Eine Seilbahn half, deutsches Material auf die Bergkuppe zu bringen.

Unmenschlich

DSC01366Im Winter standen die Soldaten knietief im kalten Schützengrabensumpf aus Wasser, Urin, Kot, Munitionsresten und Leichenteilen. Ruhr, Cholera und Typhus breiteten sich aus. In den heißen Sommermonaten war der Geruch unerträglich. Fünf Meter waren deutsche und französische Soldaten voneinander entfernt, sie mussten flüstern, um sich nicht zu verraten.

???????????????????????????????Der durch Artilleriebeschuss und Giftgaseinsatz kahlrasierte Hartmannsweilerkopf wurde zum „Montagne de la Mort“ oder „Mangeur d’hommes“, zum „Todesberg“ oder „Menschenfresser“. Schafhirten aus den Pyrenäen und Bauern aus dem Schwarzwald schickten ihre Söhne 1914 auf den Hartmannsweilerkopf und sahen sie nie wieder.

 

Freundschaft?

DSC01371 - Kopie1997 wurde ein Freundschaftsbäumchen gepflanzt. Es sieht nicht besonders stark aus, aber vielleicht wird es ja noch ein richtiger Baum. Es steht in der Nähe eines ehemaligen Artilleriebeobachterhäuschens der Franzosen auf der Kuppe. Eine deutsche Reservistenkameradschaft und der französische Verein „Freunde des Hartmannsweilerkopfes“ haben das getan. Weil nie wieder so etwas geschehen darf zwischen Völkern, die einander viel mehr zu geben haben, als sich um eine Bergkuppe zu streiten…

Kreuze

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Auf dem Aussichtsfelsen des Hartmannsweilerkopfes steht heute ein weißes Gipfelkreuz. Jedes Jahr kommen 200.000 Besucher, mehr als die Hälfte sind Deutsche. Von 90 Kilometern Schützengräben sind 60 Kilometer geblieben, außerdem rund 600 Bunker und Unterstände. Die meisten Gräben sind noch begehbar, an manchen Stellen allerdings zugewachsen. Die in den Granit gehauenen Munitionsfächer haben Moos angesetzt. Schützenmauern aus betongefüllten Sandsäcken stehen noch, die textile Struktur der Leinensäcke ist zu erkennen. Insgesamt entstanden 6000 militärische Bauwerke, von denen die Hälfte noch heute zu sehen ist, sowie 90 Kilometer Schützengräben.

DSC01379 - KopieAuf dem Rückweg, immer wieder unterbrochen durch Besichtigungen von Bunkern, Laufgängen, befestigten Hohlräumen, kommen wir auch am „Kreuz des Friedens“ vorbei, welches nachts leuchtet. Weithin in den Elsass und die Rheinebene, bis hinüber in den Schwarzwald.

???????????????????????????????Als wir aus dem Wald wieder auftauchen, sehen wir den Friedhof mit den vielen Kreuzen am gegenüberliegenden Hang. Geordnet, gepflegt, fast schön anzusehen. Nur wenn man sich hineindenkt, dass jedes Kreuz ein Menschenleben bedeutet… Und jeder Soldat hatte, einen Vater, eine Mutter, Geschwister, Eine Ehefrau, Kinder, Freunde – dann wird der Kreis des Leids unendlich groß.

Epilog: Das Fussballspiel

Nach zirka drei Stunden Wanderung rund um den Todesberg, Gewitterschauer, dunklen Gängen und Gipfelkreuzen fahren wir nur ein paar Kilometer weiter zum Abendessen. Und hoffen, weil es ja gerade Fussball-WM ist und Frankreich gegen Deutschland spielt, dass die Gaststätte einen Fernseher zu stehen hat. Hat sie aber nicht. Aber nach etwa 10 Minuten kommt eine junge Bedienung und klärt uns auf: Es stehe 1:0 für Deutschland. Was es dann auch am Ende der Party noch stand.

Wir sitzen gemeinsam am langen Tisch: Franzosen, Schweizer, Spanier, Italiener, Nigerianer, Deutsche… und unterhalten uns, lachen, frozzeln, geniessen den Abend. Aber im Hinterkopf hallt noch das Erleben des Tages nach: 30000 Tote! Und wir sitzen hier in Frieden zusammen. Wir sind dankbar. Und sollten es immer sein.

???????????????????????????????Quelle einiger Fakten/Abschnitte: FAZ

Alle Fotos: @ndy55_2014

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