Bitte störenWir leben im Allgemeinen in einer sehr geregelten Welt.

Der Strassenverkehr zum Beispiel ist geregelt. Mit 53 Paragraphen. Und Erläuterungen dazu. Selbst der Verkehr auf Helgoland wird klar definiert:

Der § 50 StVO besagt, dass auf der Insel Helgoland der Verkehr mit Kraftfahrzeugen sowie das Radfahren verboten ist. Neben der Polizei hat nur der Seehundjäger genannte Naturschutzbeauftragte ein Dienstfahrrad, außerdem gibt es Ausnahmegenehmigungen für über 100 Elektrokarren für den Warentransport und einige Rettungsfahrzeuge. (Quelle: Wikipedia)

Es gibt ein Mietrecht, Feiertagsregelungen, Arbeitsrecht, Kirchenrecht aber auch ein Staatskirchenrecht. Nach Freiherr Knigge wäre auch der Umgang mit den Menschen geregelt – wenn sich diese denn dran halten würden. Geregelt werden Parklätze, Aufschriften auf Etiketten, Länge und Dauer einer Ehe im Eherecht und vieles mehr.

Regeln geben Sicherheit

Und es hat was, dass unser Alltag in vielem geregelt ist. Es sind feste Grössen, mit denen wir rechnen. Auf die wir uns verlassen können. Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, fahren auch die anderen Verkehrsteilnehmer auf der rechten Strassenseite. Das ist einfach so hier in Deutschland. Und ich muss nicht ständig unter Hochspannung stehen, ob andere Autos diesmal die Seite wechseln (mal die „Geisterfahrer“, die es manchmal leider gibt, ausser acht gelassen).

Auch meine Wohnung wird beim Nachhausekommen nicht vom Vermieter ausgeräumt sein, denn er, wie auch wir, halten uns an die Vereinbarungen des Mietrechtes.

Regeln, Gesetze, Vereinbarungen – sie geben uns im Allgemeinen Sicherheit. Wir verlassen uns auf das, was wir bisher erlebt haben. Es war so. Es wird wieder so sein.

Kirche wie immer

Im christlichen Umfeld kann das ähnlich sein. Altbekanntes, Bewährtes wiederholt sich. Es gibt den Wiedererkennungswert. Die altbekannte Diskussion über neue Lieder oder Liedformen zeigt immer wieder, wie gut wir Gewohntes in den Kultus integriert haben. Platz für „Experimente“ bleibt da selten.

Wir haben es uns – privat oder auch gemeindlich – gut eingerichtet. Und Draussen steht ein Schild: „Bitte nicht stören!“

Jesus ist anders

In den Schilderungen in der Bibel allerdings tauchen in Bezug auf Jesus öfters überraschende Wendungen auf. Hier mal zwei Beispiele, in denen das deutlich wird:

    1. Es wurden auch Kinder zu Jesus gebracht; er sollte sie segnen. Aber die Jünger wiesen sie barsch ab
      Als Jesus das sah, war er ungehalten. »Lasst die Kinder zu mir kommen!«, sagte er zu seinen Jüngern. »Hindert sie nicht daran! Denn gerade für solche wie sie ist das Reich Gottes.
      Ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind annimmt, wird nicht hineinkommen.«
      Und er nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.
      (Markus 10, 13-16)
    2. Sie kamen nach Jericho. Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge von dort weiterzog, saß ein blinder Bettler am Straßenrand, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
      Er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, der vorbeikam. Da fing er an zu rufen: »Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
      Von allen Seiten fuhr man ihn an, er solle still sein. Doch er schrie nur umso lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
      Jesus blieb stehen und sagte: »Ruft ihn her!« Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: »Hab nur Mut! Steh auf, er ruft dich!«
      Da warf der Mann seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus.
      »Was möchtest du von mir?«, fragte Jesus. »Lieber Herr«, antwortete der Blinde, »ich möchte sehen können!«
      Da sagte Jesus zu ihm: »Geh nur! Dein Glaube hat dir geholfen.« Im selben Augenblick konnte der Mann sehen. Nun schloss er sich Jesus an und folgte ihm auf seinem Weg.
      (Markus 10, 46-52)

Nicht stören!

Ruhestörer!

Als solche empfanden wohl die Jünger diese Mütter, die ihre Kinder zu Jesus Christus brachten. Diese wollten doch nur, dass Jesus die Kinder anrühren, dass er sie segnen möge. Mehr nicht. Aber nein, die Jünger plusterten sich wie eine Leibgarde auf und wollten die Kids abweisen. Sie meinten zu wissen, was jetzt für ihren Chef dran wäre.

Ruhestörer!

Das empfand die gesamte Volksmenge, die mit Jesus nach Jericho zog. Die ihn beobachteten und möglichst viel von seinem Auftreten, vielleicht Reden mitbekommen wollten. Da passte das laute, störende Rufen eines sozial Randständigen der Gesellschaft überhaupt nicht in ihre Bedürfnisse. Nein – jetzt war das Miteinandergehen, das Reden und Hören dran…

Aber Jesus ist so wohltuend anders.

Pläne sind zweitrangig

Er war nicht vordergründig zum Reden gekommen. Sondern sein Auftrag war es, Verlorene zu retten. Kranke zu heilen. Trauernde zu trösten. Tote aufzuwecken. Dämonen auszutreiben. Gott bekannt zu machen.

„Auf dass die Herrlichkeit Gottes offenbar würde…“ (Joh. 11) – das war die Triebfeder seines Handelns. Und da kam ihm dieser Störenfried Bartimäus gerade Recht. Jesus konzentrierte sich von der Menschenmasse weg auf den konkreten Notfall und griff in Autorität ein, weil er die Not, aber auch den Glauben des Blinden sah.

Jesus „zog nicht sein Ding durch“. Seine Vorstellungen, wie der Tag im Einzelnen ablaufen muss. Nein, er war ständig im Kontakt mit seinem himmlischen Vater und liess sich zeigen, was „dran“ war. Und liess sich deshalb auch gerne „stören“, wenn Lebensängste und -nöte an ihn herankamen.

Von ihm lernen?

Ja, das wäre schön. Wenn wir auch als Christen vom Meister lernen. Eigene Pläne zurückzustellen. Flexibel zu sein. Offen für das Wirken des Geistes Gottes, was denn gerade dran ist. Einzuüben, nachzufragen, welche Pläne der Himmel hat. Und diese sind allemal wichtiger als meine kurzsichtigen Vorstellungen. Vom eigenen Leben. Vom Kirchenleben. Vom Leben überhaupt.

Ich könnte mir vorstellen, wenn Jesus jetzt auf der Erde leben würde, dass vor seinem Büro (wenn er denn eins hätte, was ich sehr bezweifle) ein Schild stehen würde mit der Aufschrift:

„Störungen unbedingt erwünscht!“

Das offene Büro

Ich erinnere mich noch gut an ein prophetisches Bild, welches ich vor einiger Zeit einmal für eine Person hatte:

Sie geht einen Gang entlang und sieht ein offenes Büro, aus welchem die Tür ausgehängt worden war. Dort sass der Herr hinter einem Schreibtisch, auf dem ein Terminkalender lag. Als sie vorsichtig in den Türrahmen tritt, durchkreuzt Gott sämtliche Termine und schiebt den Kalender beiseite. „Komm herein“, meinte er dann, „ich habe Zeit für dich, soviel, wie du brauchst!“

Dieser Zuspruch war insofern ermutigend und interessant, weil ihr eigener Vater sehr oft wegen seiner Termine keine Zeit für Gespräche hatte…

Für mich war es damals eine starke Bekräftigung, dass „Gottes Büro“ keine Türen hat („der Zugang ist offen…“) und er sich alle Zeit der Welt für das Wichtigste nimmt: Die Person, die gerade zu ihm kommt!

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