Sonntag Morgen. Unser Besuch hat mit dem Glauben nichts am Hut. Also suchen wir eine Alternative zum gewohnten Gottesdienst. Und finden diese auch: Das Kunstmuseum Beyeler in Riehen, einem Vorort von Basel.

Da läuft zur Zeit gerade eine Ausstellung eines amerikanischen Künstlers, Jeff Koons. Er ist mir schon mal vorab sympatisch, hat er doch dasselbe Geburtsjahr wie wir… 🙂

Der Besuch dieses modernen Museums lohnt sich – nicht nur wegen der wechselnden Spezialausstellungen, sondern auch wegen der ständigen Exponate. Und es gibt einen respektablen Zugewinn an künstlerischer Sichtweise – zumindest für solche Leute wie mich, die sich bisher nicht übermässig oft in solchen Ausstellungen aufhalten…

Staubsauger

Im ersten Saal erwartet der Besucher eigentlich Bilder. Oder Skulpturen. Nichts davon zu sehen. Dafür Vitrinen mit Staubsaugern. Nein – es ist keine Verbrauchermesse für Industrieprodukte. Und ohne Anleitung der Begleitheftchen vielleicht auch nicht vordergründig erfassbar, was uns der Künstler damit sagen wollte. Aber dann lichtet sich etwas der Vorhang, denn

…in ihrer strengen Anordnung und im Rückgriff auf die basierenden Neonröhren verweisen sie auf reduktive Klarheit…
Als Objekte verkörpern die explizit ungebrauchten und daher makellosen Staubsauger bei Koons „das ideal Neue“, sie werden also als Zeichen von Ewigkeit und Reinheit eingesetzt.
Koons hebt die gleichsam biologische und lebendige Qualität der Staubsauger hervor, wenn sie als „atmende Maschinen“ durch ihre doppelgeschlechtlichen merkmale zum Inbegriff ursprünglicher Unversehrtheit werden…

Nur gut, dass es diese erläuterungen für Besucher gibt, die nicht so in der künstlerischen Materie stehen. Und ich werden meinen häuslichen Staubsauger zukünftig mit ganz anderen Augen anschauen, wenn er mir ewigkeitliche Botschaften vermitteln will…

Kindheit

Im Museum selbst durfte man nicht fotografieren. Aber wer den namen Koons eingibt, wird im Internet viele seiner bunten, grossen und schillernden Bilder und Ausstellungsstücke finden. Auffallend viele Skulpturen widmeten sich der Kindheit. Die Leute sollten ein Gefühl der Sicherheit im Hinblick auf die eigene Vergangenheit bekommen (Koons), sich wiederfinden, spiegeln. Und entsprechend waren die teile auch bunt, schillernd und übergross angeordnet.

Balloon Flower

Im Aussengelände ist eines seiner Ballon-Figuren aufgestellt. Auch da hilft wieder ein Blick in die Erläuterungen.

In den makellosen, verführerisch glänzenden Oberflächen spiegeln sich Raum und Betrachter wieder und treten dabei in unmittelbare Beziehung zum Kunstwerk. Das Objekt scheint scheinbar auf der Wasseroberfläche zu schwimmen und vermag gerade in diesem Umfeld eine wundersam-schwerelose Wirkung zu entfalten.

Weil es gerade anfing zu regnen, hat sich vielleicht bei mir die Wechselwirkung zwischen der blauen Blume und mir nicht ganz eingestellt, vielleicht habe ich ihr einfach auch zu wenig Zeit gewidmet. Aber nett zu wissen, was hätte sein können… Aber gut anzusehen war sie schon, die blaue Chromstahlplastik.

Split-Rocker

Am Parkeingang besichtigten wir zum Schluss noch die kolossale Blumenskulptur mit echten Pflanzen. Plit-Rocker, wie das Kunstwerk genannt wird, wurde 2000 ein erstes Mal im Kreuzgang des Palais des Papes in Avignon aufgestellt und ein paar Jahre später in den Gärten von Versailles. Jetzt ist der Split-Rocker in Riehen herangewachsen.

Für seine Blumenskulptur ist Koons von zwei verschiedenen Schaukeltiermotiven ausgegangen, einem Pony und einem Dinosaurier, deren Köpfe er zunächst halbiert und dann neu zusammengesetzt hat. Da die beiden Hälften nicht deckungsgleich sind, entstehen an verschiedenen Stellen spaltartige Zwischenräume, welche die Skulptur öffnen und sie zu einer Unterschlupf bietenden Architektur werden lassen. Als zerlegte und andersartig wieder zusammengesetzte Figur, die gleichzeitig seitlich und nach vorne schaut, bezieht sich Split-Rocker auf den Kubismus eines Pablo Picasso und lenkt ihn zugleich in eine ganz andere Richtung. Als florale Aussenskulptur reiht sich Split-Rocker aber auch in die Tradition der barocken Gartenkunst und der sogenannten Formschnittgärtnerei ein, die heute noch in den populären Vergnügungsparks weiterlebt.

In der Kombination eines Ponys und eines Dinosauriers verkörpert Split-Rocker jene Verbindung von Gegensätzen, die auch in der Idee eines «monströsen», riesenhaften Kinderspielzeugs zum Ausdruck kommt. Dabei wählt der Künstler ausgerechnet vergängliche Blumen als Material für sein Dauer verheissendes Monument. Nicht zuletzt in diesem besonderen Zusammenspiel vermeintlicher Widersprüche liegt auch die eigentliche Spannung und Kraft der Kunst von Jeff Koons.

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Wie unterschiedlich…

…wir Menschen doch ticken. Das ist mir mal wieder an diesem Vormittag aufgefallen. Jeder hat eine – hat seine – Sicht auf die Welt. Nimmt sie unterschiedlich wahr. Interpretiert sie anders. Erklärt Zusammenhänge auf eine völlig andere Weise, als wir es vielleicht selbst für uns tun.

Früher hörte ich oft den Ausspruch auf die Frage: „Was wollte uns der Künstler wohl damit sagen?“: „Schau (hör) genau hin – dann wird es sich dir schon erschliessen.“ Ich bin nicht ganz damit einverstanden, denn wie noch mal z.B. sollte ich von trivialen Staubsaugern auf die Ewigkeit kommen? Die Erklärungen des Künstlers allerdings halfen mir dabei, ein wenig mehr davon zu verstehen, wie er seine Welt sieht und sie anderen vermitteln will.

Für meinen Umgang mit anderen, Glaubenden und (Noch)Nichtglaubenden, will ich neu lernen, mehr und besser hinzuschauen und herauszufragen, was sie sich bei ihrem Lebenskonzept denken. Das hilft mir vielleicht besser, sie zu verstehen und vorschnelle Urteile stecken zu lassen.

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