In einem Seminar sollten wir einmal folgende Übung machen und diese Aussage ergänzen:

Gott ist für mich wie…

Puh, das war auf die Schnelle gar nicht so einfach. Im allgemeinen denke ich ja nicht ständig darüber nach, wie ich Gott beschreiben würde. Okay, wenn es um reine biblische Aussagen gegangen wäre, dann hätte ich eine ganze Liste gefunden. Aber es sollte ja eine subjektive Einschätzung sein. Schwierig, schwierig…

Streng

Als fünfter Spross einer kinderreichen Familie musste ich sehr früh akzeptieren, dass unser Leben nach klaren Normen und Grenzen funktionierte. Wurden diese überschritten, gab es Strafe. Das tat oft spürbar weh. So nützlich diese Einstellung für das praktische Miteinander einer Grossfamilie auch war – aber sie prägte auch nachvollziehbar mein Bild von Gott. Heute weiss ich um die vielfältigen Zusammenhänge, denn „Elternsicht ist Gottessicht“. Aber damals war mir das noch nicht bewusst. Gott und auch Jesus Christus hatten für mich schon den klaren strengen Charakter. Sie stellen die Regeln auf und ich als Mensch muss sie befolgen. Bricht man diese Regeln, folgt Strafe auf dem Fuss.

Dieses Denken ging teilweise soweit, dass ich, wenn ich mich zum Beispiel am Kopf stiess sofort fragte, was ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht hätte. Ich verstand das dann eben als Hinweis von oben, dass bei mir wieder was nicht richtig gelaufen wäre und ER einen Hinweis schickte…

Polizei

In meiner Heimatstadt wohnte im Nachbarhaus der damalige Kleinstadtpolizist. „Männe“ wurde er von allen genannt. Dieser achtete enorm darauf, dass alle gesetzlichen Regeln eingehalten wurden. Er war ein verhältnismäßig komischer Kauz, aber Kraft seines Amtes flösste er uns Kindern ziemlichen Respekt ein.

Und diese Erlebnisse (Eltern und Umfeld) prägten zunehmend mein Bild von Gott, von dem Jesus ja ein Abbild war. Kurz gesagt lautete meine Theologie so: „Hältst du die göttlichen Regeln ein, dann gibt es keine Strafe.“ Alles, was nicht gut läuft im Leben muss Ursachen in meinem Fehlverhalten haben. So ein Denken hatte zur Folge, dass ich ein ziemlich ängstlicher Mensch wurde und oft total verunsichert wurde.

Erosion

In späteren Jahren las ich viel in der Bibel und wusste vom Kopf her, dass Gott auch anders sein musste. Aber der Weg vom Kopf bis ins Herz hinein ist manchmal Kilometer weit weg oder dauert viele Jahre. Ich war immer ein wenig neidisch auf Christen, die so vertrauensvoll von Gott als dem Vater oder von Jesus als Freund sprachen. Darf man denn den Sohn des Höchsten als Freund betiteln, der doch in einer ganz anderen Welt lebt und nur punktuell Mensch war? Ist eine Freundschaft mit Gottes Sohn nicht anmassend? Geht das überhaupt? Darf man so denken?

Aber im Lauf der Zeit lernte ich IHN näher kennen. Nenne es Offenbarung, Lernprozess, erlebnisgeprägt – egal, aber ich merkte, dass Heiligkeit und Strenge nur eine Facette seines Wesens waren. Und dass es noch viele andere dazu gab und gibt.

In einer längeren Versager-Geschichte half er mir heraus und ich erlebte, was Vergebung bedeutete. In finanziellen Notlagen erlebten wir Wunder über Wunder. Im Umgang mit den eigenen Kindern wandelte sich allmählich das Bild vom strengen Weltenherrscher zum verständnisvollen Freund. Habe ich da Freund geschrieben? Tatsächlich, denn das ist er mir geworden. Ein Bibelvers war mir dabei auch hilfreich:

„Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Johannes 15,15 (Einheitsübersetzung)

Wahre Freundschaft

Wirkliche Freundschaft besteht nicht nur auf dem Papier. Die wird gelebt. Und so nähern wir – mein Herr und ich – uns auch immer mehr aneinander an. Ich erfahre durch die Bibel immer wieder neue Charakterzüge von ihm. Er hört mir zu, wenn ich meinen Frust, meine Ängste auch zum wiederholten Male bei ihm ablade. Ich erlebe sehr konkrete Gebetserhörungen, die mein Vertrauen in seine unendlichen Möglichkeiten immer weiter festigen. In dieser Wechselbeziehung staune ich oft über neue Entdeckungen an ihm und lerne auch, immer mehr meine eigenen Vorstellungen loszulassen.

Nein, er ist schon lange nicht mehr der furchteinflössende, nur strafende Weltenherrscher, sondern ein verständnisvoller Lebensgefährte in meinem Alltag und auch in schlaflosen Nächten. Manchmal, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, lege ich einfach meine Hand auf den Sitz nebenan, weil ich weiss, dass er mitfährt.

Eine Definition von Freundschaft hat mir vor einiger Zeit sehr gut gefallen:

„Ein Freund ist einer, der alles von dir weiss – und dich trotzdem liebt!“

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