Da lag es. Auf dem Tisch im Arbeitszimmer. Meine Frau hatte es von einem Treffen beim Roten Kreuz mitgebracht. Das Buch „roter Winkel, hartes Leben“ – in quadratischer Form und zweisprachig, sowohl deutsch als russisch geschrieben.

Ich nahm es zur Hand – und kam nicht wieder los. Till Mayer, Jahrgang 1972, Journalist und Fotograf hat es verfasst. Und die Fotos dazu gemacht. Das Thema? Er besuchte Überlebende von Konzentrationslagern in Lemberg, ihrer ukrainischen Heimat. 2007 sind diese Bilder und Geschichten aufgenommen wurden.

Vierzehn verschiedene Schicksale presst der Autor in kurze Skizzen ihres Lebens. Wie will man auch die Fülle von Emotionen, Erlebnissen, fatalen Erinnerungen und gespeicherten Ängsten in wenigen Zeilen beschreiben? Till Mayer ist es gelungen. Ich merke es daran, wie mich das Thema, die einzelnen Schicksale nicht loslassen, auch wenn ich das Buch schon zu Seite gelegt habe.

Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es – die ehemaligen Häftlinge sind alle um dasselbe Jahr geboren, wie mein Vater – 1924. Das schafft weitere Gemeinsamkeiten.

Schlimm für Nachkriegsgeborene, die teilweise brutalen Erlebnisse – wenn sie denn von den Betroffenen an die Oberfläche ihres Denkens gelassen werden – nachzuvollziehen, geschweige sie denn verstehen zu können, dass so etwas passieren konnte. Und dass es Menschen gab, die das Grauen überlebt haben. Mit starkem Willen, durchzuhalten.

Jeder anders

Da ist Onufriy, der verschiedene KZ´s überlebte. Sein Motto: „Du musst mit den Augen arbeiten, wenn du überleben willst“ Und das hat ihm tatsächlich geholfen – immer zu schauen, um sich sehen, mit den Augen flink bleiben.

Da ist Antonia, die wegen zweier Tomaten, die sie aus Hunger mitnahm, fürchterlich verprügelt wird. In diesen SS-Zeiten entwickelt die kleine Frau die Energie fürs Leben, die ihr später die Kraft gab, Jura zu studieren und Richterin zu werden.

Da ist Mykola, der sich oft im KZ wünschte, tot zu sein, weil man, wenn man immer wie Vieh behandelt wird, sich dann auch wie Vieh fühlt. Er musste bei der Befreiung im KZ Mauthausen miterleben, wie ausgehungerte Häftlinge in der Kantine nach Essen suchen und einer dabei in einen der riesigen Töpfe stürzte und dabei zu schwach war, sich zu befreien. „Am Tag der Befreiung in einem Kochtopf zu sterben – was für ein Wahnsinn.

Da sind die anderen, denen es schwer fällt, über die schreckliche Zeit in den Konzentrationslagern zu sprechen, weil sie danach wieder mal nachts nicht schlafen können. Die eindringlichen Bilder von Mayer illustrieren dazu sehr gut die jeweiligen Menschen, ihre schwere Vergangenheit und ihre teilweise auch heutige karge Lebensweise.

„roter Winkel, hartes Leben“ – ein Buch, dass uns Heutigen eindrucksvoll vor Augen führt, wie hart und schwer Leben sein kann. Aber wie auch Kräfte entwickelt werden, um zu überleben. Mich hat es sehr beeindruckt…

Advertisements