Ich habe diese Geschichte schon einmal gelesen. Jetzt fiel sie mir wieder ins Auge  – und sie gefällt mir immer noch… 
Ich drucke sie einfach mal hier ab. Quelle: Tony Campolo: The Kingdom Of God Is A Party

Tony wuchs in der Innenstadt von Philadelphia auf und ist ein Buchautor, Professor für Soziologie und ein engagierter Kämpfer in sozialen Belangen. Vor ein paar Jahren ereignete sich folgendes: Er fliegt nach Hawaii, um auf einer Konferenz zu sprechen. Nach dem Einchecken im Hotel versucht er, ein bisschen Schlaf zu bekommen.

Morgens um drei Uhr

Gegen drei Uhr morgens weckt ihn jedoch seine biologische Uhr. Die Nacht ist dunkel, die Straßen sind still, die Welt schläft tief und fest, Tony dagegen ist hellwach und sein Magen rumort. Er steht auf und macht sich auf, um in der Stadt einen Ort zu finden, wo er zu früher Stunde ein Frühstück mit Eiern und Schinken bekommen kann. Alles hat geschlossen, außer einer heruntergekommenen Bistrokneipe in einer Seitengasse. Er tritt ein und setzt sich. Der fette Kerl hinter der Theke kommt herüber und fragt: „Was willst’n ham?“ Nun ja, Tony ist gar nicht mehr so hungrig, und wie er so ein paar Donuts unter einer Plastikhaube erspäht, sagt er: „Einen davon und einen schwarzen Kaffee, bitte.“ Es ist mittlerweile halb 4, als er seinen Donut verputzt und seinen Kaffee schlürft, als acht oder neun aufgedrehte Prostituierte lautstark eintreten, die gerade ihre nächtliche Tätigkeit beendet haben. Sie lassen sich auf die Sitze an der Theke fallen und Tony sieht sich unangenehm umzingelt von dieser Gruppe rauchender und fluchender Stricherinnen. Er beeilt sich mit seiner Tasse Kaffee und sinnt auf einen raschen Rückzug.

„Ich hab in meinem ganzen Leben noch nie eine Geburtstagsparty gehabt.“

Dann sagt die ihm am nächsten sitzende Frau zu ihrer Freundin: „Stell Dir vor, morgen habe ich Geburtstag! Ich werde 39!“ Worauf ihre Freundin zynisch reagiert: „So, so, und was willste dann von mir? Wohl ’ne Geburtstagsparty? Dass ich Dir ’n Kuchen back und Happy Birthday sing?“ Darauf entgegnet die erste Frau: „Also, so was, warum musst Du so gemein sein? Warum musst Du mir gleich so über den Mund fahren? Ich sage ja nur, dass ich Geburtstag habe. Ich will ja gar nichts von Dir. Warum sollte ich überhaupt eine Geburtstagsparty bekommen? Ich hab in meinem ganzen Leben noch keine Geburtstagsparty gehabt. Warum sollte ich dann jetzt eine kriegen?“

Als Tony das hört, ist er geschockt. Er wartet bis alle Frauen das Lokal wieder verlassen haben, dann fragt er den fetten Kerl hinter der Theke: „Kommen die hier jede Nacht rein?“ „Ja“, kommt die kurze Entgegnung. „Und die, die gleich neben mir saß?“ fragt Tony, „kommt die auch jede Nacht?“ „Ja, das ist Agnes. Sie schaut hier jede Nacht vorbei, seit Jahren. Warum wollen Sie das wissen?“ „Nun, weil sie gerade gesagt hat, dass morgen ihr Geburtstag ist. Was meinen Sie? Könnten wir hier im Saal eine kleine Geburtstagsparty für sie arrangieren?“

Ein freundlich verschmitztes Lächeln stiehlt sich auf die Wangen des fetten Mannes. „Das hört sich toll an, ja Mann, das gefällt mir!“ Er dreht sich um in Richtung Küche und ruft seiner Frau zu: „He, komm doch mal raus zu uns. Dieser Typ hat eine tolle Idee. Morgen ist der Geburtstag von Agnes und er will hier im Saal eine Party für sie steigen lassen.“ „Das ist fantastisch!“ sagt seine Frau beim Herauskommen aus der Küche. „Agnes, müssen Sie wissen, ist wirklich sehr nett. Immer versucht sie anderen zu helfen, aber keiner tut ihr irgendeinen Gefallen.“ So fangen sie zu planen an. Tony verspricht, am nächsten Morgen um halb drei mit ein paar Dekorationen wieder zu kommen. Harry, der andere Mann, will sich um die Torte kümmern.

„Der Saal war proppenvoll, Frauen vom Strich soweit das Auge reicht.“

Am nächsten Morgen ist Tony um halb drei wieder da, mit Krepppapier und anderen Dekorationen, sowie einem Plakat aus großen Bögen Karton auf dem „Happy Birthday, Agnes!“ steht. Sie schmücken den Saal von einem Ende zum anderen bis es richtig toll ausschaut. Dank Harry hat sich die geplante Party auf den Straßen herumgesprochen und gegen viertel nach 3 schaut es so aus, als ob jede einzelne von Honolulus Prostituierten sich im Saal eingefunden hat, Frauen vom Strich soweit das Auge reicht.“

Um genau halb vier geht die Türe auf und Agnes kommt mit ihrer Freundin herein marschiert. Auf Tonys Kommando geht’s los. Alle rufen und schreien: „Alles Gute zum Geburtstag, Agnes!“ Agnes fehlen die Worte, sie ist absolut platt. Ihre Kinnlade fällt herunter, ihre Knie geben nach und sie fällt fast um. Doch als die Geburtstagstorte mit all den Kerzen hereingetragen wird, gibt’s kein Halten mehr. Sie fängt zu Schluchzen und Weinen an. Harry ist es nicht gewohnt, Frauen vom Strich weinen zu sehen und murmelt schroff: „Na, puste doch die Kerzen aus, Agnes, und schneid die Torte an.“ So nimmt sie sich zusammen und pustet die Kerzen aus. Alle jubeln und rufen: „Agnes, schneid die Torte an, schneid die Torte an!“

Doch Agnes lässt ihren Blick auf der Torte ruhen und sagt langsam und leise: „Schau, Harry, wärst Du einverstanden… ich meine, was ich fragen will, wäre es o.k., wenn ich die Torte noch ein klein wenig behalten könnte? Wär’s machbar, wenn wir sie nicht sofort essen?“ Harry weiß nicht, was er sagen soll, zuckt mit seinen Schultern und sagt: „Klar, wenn Du das machen willst, behalt die Torte. Nimm sie mit nach Hause, wenn Du willst.“ „Ehrlich? Könnte ich das tun?“ fragt sie. Dann schaut sie auf Tony und meint: „Ich wohne ganz in der Nähe, nur ein paar Häuser entfernt von hier. Ich will die Torte mit nach Hause nehmen und meiner Mutter zeigen. Ich bin gleich wieder da, versprochen!“

„So ‘ne Kirche gibt es nicht. Wenn’s sie gäbe, würde ich ihr beitreten!“

Sie rappelt sich auf von ihrem Barhocker, nimmt die Torte und trägt sie stolz vor sich her, als sei es der heilige Gral. In schweigender Stille schaut ihr jeder verblüfft zu, und als sich die Tür hinter ihr schließt, scheint keiner so recht zu wissen, was man machen soll. Sie schauen sich gegenseitig an. Dann schauen sie zu Tony. Tony erhebt sich schließlich von seinem Stuhl und schlägt vor: „Was haltet Ihr davon, wenn wir zusammen beten?“ Da sind sie nun in dieser etwas heruntergekommenen Bistrokneipe mit der Hälfte von Honolulus Prostituierten und hören um halb 4 zu, wie Tony für Agnes betet, für ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Errettung. Tony erinnert sich: „Ich betete, dass sich ihr Leben verändern würde und dass Gott gut zu ihr sein möge.“

Als er fertig ist, lehnt sich Harry vor und sagt mit etwas gereizter Stimme: „He, Campolo, ich dachte, Sie haben gesagt, Sie seien ein Soziologe. Aber das stimmt nicht, Sie sind ein Prediger! Was für einer Art Kirche gehören Sie an?“ „Ich gehöre zu einer Kirche, die Geburtstagspartys für Frauen auf dem Strich um halb vier in der Früh steigen lassen,“ erwidert Tony. Dann denkt Harry für einen Moment nach und sagt: „Glaub ich nicht! So ’ne Kirche gibt es nicht. Wenn’s sie gäbe, würde ich ihr beitreten!“

Hier kann man sich die Geschichte auch anhören…

Foto: Hans-Otto Hebbinghaus

Advertisements