Die letzte „Station“ vor der Operation habe ich ja in „(2) Jesus und Entscheidungen“ geschildert.

Die Tage bis zum OP-Termin vergingen noch ziemlich schnell. In der Firma alles ordnen, da ich längere Zeit nicht in den Projekten dabeisein würde. Im Garten noch umgraben, winterfest machen und Maulwurfhügel plätten. Ausstehende Post erledigen usw.

Dann war der Donnerstag da. Autofahrt nach Winterthur ins Kantonsspital, einchecken in die Urologie. Nettes Personal, Aufnahmegespräch. 4-er-Zimmer. Bin der einzige „Dütsche“ dort. Und werde immer wieder gefragt: „Verstohnd Sie schwyzzerdütsch?“ Was ich gerne bejahe, wohnen wir doch schon fast zwei Jahrzehnte nahe an der Schwyzzer Grenze… Auspacken, Bett (am Fenster!) belegen, Schrank füllen. Dann kommt ein Eingangsgespräch. Später auch schon die Anästhesistin zum Abklären, wieviel Zigaretten der Patient am Tag raucht oder ob man Alkohol zum Überleben braucht… Das Schöne bei solchen Fragen ist – ich kann sie alle schnell beantworten, habe so gut wie keine Probleme. Bis auf meine Herzrhytmusstörungen, die ich aber mit Medikamenten schon jahrelang gut im Griff habe. Abends dann das letzte Essen, danach ist Essenspause:-)

Da-Vinci – die OP

Die Nacht – obwohl noch ungewohnte Umgebung – verläuft einigermassen ruhig. Es gab ja auch ne Schlaftablette. Morgens geht es dann früh los. Einlauf (hmm, noch nie bekommen, aber er ist überstehbar), dann mit Bett Richtung OP. Wir haben unterwegs noch Spass. Keine Anspannung, keine Angst – ich bin froh darüber, dass Gott da ist. Im Vorraum zum Operationssaal werde ich noch geparkt. Die Anästhesistin erscheint, OP-Pfleger ziehen sich um. Gleich 8.00 Uhr…
Und dann bin ich sowas von weg – ich bekomme nichts mehr mit. Was dann genau passiert, das kann man sich aus diversen OP-Berichten oder beispielhaften Videos verständlich machen. Auch das Kantonsspital Winterthur zeigt die Prostatektomie aufklärend per Video. Ansonsten macht es der heutige Technikstand (Internet) möglich, eine Vielzahl von Informationen zum Thema abzurufen…

Aufgewacht bin ich zirka viereinhalb Stunden später in einem Aufwachraum. Keine Schmerzen, keine Übelkeit. Ich liege einfach nur im Bett. Und werde in kurzen Zeitabständen auf Blutdruck und Fieber kontrolliert. Und immer die Frage: „Geht es Ihnen gut?“ – Es geht mir gut. Zwei Stunden später geht es zurück ins Zimmer. In der Zwischenzeit hatte der Chefarzt Dr. John, der selber operierte, zu Hause bei Brita angerufen, vom erfolgreichen Verlauf der OP berichtet. Sie fährt mit Heiko los…

Nachwirkungen

Ein bischen erzählen, ein wenig austauschen. Und dann wird mir plötzlich richtig schlecht, muss mich übergeben. Die Narkose – ich habe sie wohl doch nicht gut vertragen. Die Übelkeit nervt. Nur ruhig liegen, wenig bewegen oder sprechen. Immer wieder döse ich weg. Der Körper hat wohl einiges zu verkraften. Bin an Schmerzmittel angedockt. Und Flüssigkeit wird ebenfalls verabreicht, da das eigene Trinken noch mangelhaft ist. Auf der anderen Bettseite sind die „Ableitungen“, Urin von bei der Operation eingesetzten Katheder und Wundflüssigkeit aus dem Operationsgebiet.

Für mich ist so eine postoperative Situation Neuland. Nur auf dem Rücken liegen, den Körper beobachten, sich müde und schlapp fühlen. Aber bei allem habe ich keine Schmerzen. Das ist gut.

Nach einiger Zeit könnte ich mich ablenken. Möglichkeiten gibt es genug. Ich habe meine Bibel bei, aber keine Lust zum Lesen. Meine Krimis interessieren mich auch nicht. Über dem Bett eine moderne Medienkonsole, gut erreichbar. Man kann Fernsehen schauen (mit Kopfhörer, um andere Patienten nicht zu belästigen), diverse Radioprogramme sind verfügbar und telefonieren geht auch noch. Aber für alles habe ich kein Interesse. Nur liegen (und ein wenig leiden). Und darauf warten, dass der Gesamtzustand besser wird.

Mitbewohner

Die ersten drei Tage nach der OP sind nicht sehr toll. Besonders nachts. Irgendwie kämpft der Körper an diversen Stellen mit den Wunden (ich habe sechs Löcher im Bauch, fünf von den OP-Zugängen (minmale Schnitte) und der Drainage) und ich merke, dass es trotz der modernen Da-Vinci-Methode doch ein erheblicher Eingriff war/ist. Zum Schlafen kommt man im Spital nicht wirklich. Einerseits ist es toll, dass das Pflegepersonal sofort präsent ist, wenn man klingelt. Aber gerade am Anfang nervt einen jedes laute Geräusch, jede Helligkeit. Ich vermute mal, dass der Körper sich total auf Heilung konzentriert und alle äusseren Reize eher störend sind.

Dazu kommen noch meine „Kollegen“ im Zimmer – alles nette, ältere Herren. Aber am Anfang wechseln sie mehrmals, und dabei sind auch welche, die recht viel Besuch bekommen. Dann ist so ein Zimmer schnell mal voller Menschen. Wenn dann die Pfleger zwischendurch noch Sachen erklären und die Tochter am Handy mit Bekannten erzählt – da ist dann schnell mal eine Grenze erreicht. Auch, oder besonders nachts: Anstelle die kleine Lampe fürs Bett anzuschalten, hat Mister X das grelle Wandlicht vis a vis von mir gezündet. Und schellt halbstündlich nach der Schwester. Und… Mir selber im Halbschlaf, irgendwo fast halluzinierend, gehts mächtig auf die Nerven. So Nächte haben es in sich… Gedanken kommen, die nicht druckreif sind. Das erschreckt mich natürlich auch, aber so ist es. Dann liegt man lieber ab vier Uhr morgens wach und schaut sich die Bäume draussen an. Und wie der Tag langsam kommt, der Parkplatz sich bevölkert.

Der Finger

Und da sehe ich auch diesen nach oben weisenden Finger überm Bett von Mister X. Und es ist mir wie eine Antwort auf die erschwerten Nächte: Schau nach oben, ich bin da. Halte dich nicht mit den Schnarchern oder Stöhnern auf – schau auf mich.

Und noch mehr Gedanken kommen. Jesus im Garten Gethsemane, Jesus im Verhör, Jesus unter Geiselhieben, Jesus am Kreuz angenagelt. Was alles hat ER an körperlichen, respektive seelischen Nöten durchlitten. Da werden die eigenen Probleme so klein. Ein Hauch von dem, was der Heiland der Welt durchmachte, durchzieht meine Gedanken. Und mir wird mal wieder bewusst, wie wenig ich mich in IHN oft hineinversetze…

Erfahrungen

Besonders in den ersten Tagen hat nur ein Mittel geholfen, mich abzulenken bzw. ein wenig zur Ruhe zu kommen: Mein Workman mit Worshipmusik. Viele Lieder sind von Danny Plett, einfach wohltuend und beruhigend. Die Texte sprechen mich an, tragen durch die Stunden durch.

Ich liege an einem Mittag mit dieser Musik am Ohr da und mir fällt auf, dass ich seit den Tagen der OP Gott eigentlich nicht wirklich verspürt habe. Hmm, dabei hatte ich doch gehofft, ihn ganz besonders zu erleben. Und zumal noch so viele Leute für mich beten, da sollte das doch spürbar sein. Und gerade. als ich mit ihm so drüber rede und meine „Enttäuschung“ formuliere, höre ich ein anderes Lied. Es ist ein Segnungslied mit guten Zusprüchen Gottes. Und in diesem Moment spüre ich körperlich massiv seine Präsenz, seine Gegenwart. Das hält einige Minuten an. So hatte ich es bisher noch nicht erlebt. Und mir war, als ob Gott mir mit einem Schmunzeln sagen wollte: „Ich war und bin die ganze Zeit bei dir. Aber es ist mir auch ein Kleines, es dir zu zeigen, zu beweisen, dass ich da bin…“. Ein wenig war ich zwar hinterher beschämt, aber dieses Erlebnis tat auch unendlich gut.

Einmal war es so unruhig und laut im Zimmer, kaum zum Aushalten. Irgendwie schnappte ich mir meine Kopfhörer und zog mich zurück (wenn ich die Musik laut genug einstellte, übertönte sie die Zimmergeräusche). Ehe ich für eine halbe Stunde sogar einschlafen konnte, betete ich noch: „Herr kannst du hier nicht mal Ruhe schaffen. Es ist mir echt zuviel.“
Als ich die Augen wieder aufschlug, staunte ich: Der Herr, der mit seinem Tropf vorher ständig durchs Zimmer getiegert war, lag ruhig im Bett. Beim anderen Herrn war der laute Besuch verschwunden und er selbst schnarchte leise vor sich hin. Irgendwie kam mir die Stille im Zimmer wie die Ruhe nach dem Sturm vor, den Jesus mal gestillt hatte. Als wir uns anschauen, meinte Brita nur: „Ich habe vorhin auch im Namen und in der Autorität Jesu eingefordert, dass ER in diesem Chaos Ordnung schaffen möge. Und kurz darauf kam die Schwester herein, verfrachtete den Unruhigen ins Bett und stellte es höher, so dass er nicht wieder raus käme und verordnete auch den Anderen Ruhe.“ – Ich war in diesem Moment total baff, was bei Gott so möglich ist!

Befunde

Prof. John, Chefarzt der Urologie und mein operierender Arzt hatte ja schon im ersten Telefonat mit Brita erwähnt, dass der Eingriff ohne Probleme von statten ging. Auch jetzt, wenn er zur Visite kommt, unterhalten wir uns meist kurz.

Apropos Visite: Die anderen Patienten werden täglich von den Stationsärzten visitiert – und ich von ihnen immer links liegen gelassen. Beim ersten Mal hat es mich noch verwundert, bis die eine Ärztin meinte: „Zu Ihnen kommt ja nachher der Chef!“ – Hmm, schon ein besonderes Vorrecht! (Obwohl es eigentlich doch klar ist: Königskinder werden natürlich von Chefarzt betreut:-))

Besonders gespannt bin ich, wie die Befunde aussehen. Endlich kann er sie mir mitteilen: „Wir haben ja sieben Lymphknoten entfern – die waren alle ohne Krebsbefall. Auch die herausgenommene Prostata wurde untersucht und die Schnittränder sind auch ohne Befall von Krebsgewebe!“

Hallelujah! Schlagartig bin ich wieder gesund. Ist doch toll, dass alles weg ist, oder?

Endspurt

Von Tag zu Tag wird es besser. Zuerst kommt die Schmerzmittelzufuhr heraus. Dann die OP-Drainage. Und als ich anfange, selber zu trinken, wird auch der Tropf entfernt. Nur der Katheter behindert noch das Liegen und Schlafen. Aber der war dann auch „dran“. Zuvor bekam ich noch Kontrastmittel in die Blase gespritz, um zu sehen, ob die bei der OP neu „gebaute“ Naht auch dicht wäre. Was sie ist. Also kann der Katheder gezogen werden. Und ich muss mich wieder dran gewöhnen, selber meinen Wasserhaushalt zu regulieren.

Das allerdings ist, zumal die ersten zwei Male, äusserst schmerzhaft. Da mir bisherige Erfahrungen mit Kathedern fehlen und ich dem Assistenzarzt wohl auch nicht richtig bei seinen Erläuterungen zugehört hatte, war ich erschrocken, wie schmerzhaft Wasserlösen sein kann. Seitdem gehe ich mit (Bitt-) Gebet auf die Toilette, und mit (Dankes-) Gebet auch wieder raus. Ich muss die letzten Stunden auch noch meine „Erfolge“ messen, damit nachweislich alles funktioniert.

Gute Kontakte

Wenn es einem selber besser geht, dann ist die Welt auch wieder freundlicher. Und die Mitpatienten ebenso. Mit der Zeit haben wir noch viele gute Gespräche, tauschen Erfahrungen und Berufsinhalte aus. Selbst eine kleine Modenschau mit diesen sexy Trombosestrümpfen und Gitterhöschen erheitert unseren Patientenalltag. Auch der Umgang aller Pflegekräfte und Ärzte ist richtig Klasse und meine Hochachtung vor dem ganzen medizinischen Personal steigt enorm.  Was machen sie für einen wichtigen Job! Und dabei oft so ausgeglichen und freundlich. Nun ja, Schweizer halt:-) Die sich auch immer für alles entschuldigten, das ist so ungewohnt. Ob sie Blutdruck messen („Tschuldigung“) oder eine Spritze geben („excuse me!“) – immer nett. Als Patient fühlt man sich angenommen und gut aufgehoben. 1000 Dank!

Entlassung

Endlich ist der Entlassungstag gekommen. Ich bin zwar „erst“ eine reichliche Woche hier im Spital, aber es ist schön, wieder nach Hause zu kommen. Brita ist tapfer jeden Tag die Strecke gefahren – und wer die Gegend kennt, weiss, dass es um Zürich immer sehr stauhaft ist. Für sie wäre es auch eine Erleichterung.

Das letzte Frühstück. Dann Tasche packen. Geschenke an Arzt und Personal überreichen. Telefonkarte zurückgeben und bezahlen. Und dann sitzen wir wirklich im Auto. Etwas schwierig, weil leicht verspannt. Und mit Ängsten, wie ich die 120 Kilometer überstehe, denn ich spüre jetzt schon jede Erschütterung.

Aber irgendwie geht auch das vorüber. Brita hatte auf den letzten Fahrten schon immer mal geschaut, wo es unterwegs Rastplätze oder Tankstellen gäbe, damit ich mal ein Zwischenstopp wegen Toiletten machen könne. Auch das klappte prima. Und endlich fuhren wir wieder in Kandern ein. Ein Willkommensschild, die Couch für den Patienten vorbereitet. Wat schön, wieder daheim zu sein. Jetzt kann die Rekonvaleszenz so richtig beginnen…

Bisher:
(1) Jesus und das PSA
(2) Jesus und Entscheidungen

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