Okay – ich will es gestehen. Ich gehöre nicht zu denen, die immer den „klassischen“ Gebetsablauf einhalten. Was das denn wäre, fragst du? Na, ich meine das Gebet des Herrn, welches er seinen Nachfolgern, seinen Jüngern lehrte:

Unser Vater, der du bist im Himmel! Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.
Gib uns heute unser tägliches Brot.
Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit2 in Ewigkeit! Amen. (Matt. 5, 9-13)

Gute Schriftausleger erklären uns anhand der Reihenfolge der Gebetsinhalte, dass zuerst ein wertschätzendes Ansprechen des himmlischen Vaters erfolgen sollte, dann eine Zeit der Anbetung, dann ein Einsmachen mit den Interessen Gottes. Und erst dann sollten die eigenen Probleme (Versorgung, Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich, Bitte um Bewahrung) folgen, ehe zum Schluss wie eine Klammer um das Ganze wieder ein Lobpreis den Abschluss bildet.

Sicher – eine echt gute Leitlinie fürs Reden mit Gott, die uns Jesus da hinterlassen hat. Nur – im täglichen Kontakt mit meinem Herrn läuft es, zumindest bei mir, oft anders ab.

Prioritäten

Je nach Stimmungslage und „Dringlichkeit“, werde ich öfters zuerst meine Probleme beim Chef los. So nach dem Motto: „Herr, schau mal, was da gerade konfus läuft, könntest du da nicht bitte – und wenn es geht zeitnahe – eingreifen?“ Da werden die gesundheitlichen Probleme oft zuerst genannt. Oder die Sorgen um den Partner, um die Kinder. Oder der Stress im Projekt oder mit den Kollegen. Oder die fehlenden Finanzen. Eben, was mich auch sonst tagsüber (und manchmal auch in schlaflosen Abschnitten nachts) beschäftigt.

Die Liste

So wie wir in unserer Familie kurz vor Weihnachten jeweils den Anderen eine Wunschliste für Geschenke verschicken, so sieht auch öfters mein Reden mit Gott aus – es gleicht eben auch einer Wunschliste. Da stehen eigene Wünsche (siehe Prioritäten) ebenso drauf wie die Sorge um Mitmenschen, Nachbarn und Kollegen. Da werden Missionare erwähnt oder noch nicht gläubige Verwandte. Oder auch die Politiker im Lande. Und der Weltfrieden. Und die Anliegen der Gemeinde. Und… Je nach Zeitvorrat ist diese Liste mal länger, mal kürzer. Wir beten halt – im Sinne von Bitten.

Kurzversionen

Und dann gibt es noch die Augenblicke am Tag, wo es weder Gelegenheit noch Zeit fürs ausformulierte Beten gibt. Da schwingt sich manchmal nur ein Seufzer nach oben. Oder ein Stossgebet: „Herr, hilf!“ Oder: „Jetzt, Herr, solltest du was machen, organisieren.“ Oder auch bei schönen Augenblicken: „Toll – der Regenbogen!“ Oder: „Danke für die Hilfe!“

Und du, Herr?

Von meiner Frau habe ich wieder neu gelernt, in Gesprächen nicht nur die eigenen Themen zu formulieren und andere „zuzutexten“, sondern auch umgekehrt mal nachzufragen, wie es ihnen denn ginge. Manchmal mache ich das auch am Ende eine Sach-Mail. Da gehts um Abklärungen, Fakten, Projektfragen. Die kleine Frage – meist als P.S. formuliert – bringt manchmal erstaunliche Resultate. Die Gegenüber fühlen sich angesprochen, reagieren, erklären, erzählen…

Was im Mailverkehr gut funktioniert, will ich vermehrt auch in meiner Zeit mit Jesus umsetzen. Wie oft schon habe ich erwartet, dass er mich versteht, meine Probleme ernstnimmt, meine Gefühle sieht (oder mitfühlt) – die Erwartung ging und geht oft so, dass er für mich da ist.

In letzter Zeit habe ich allerdings manchmal mein (meist morgendliches) Beten mit der Frage angefangen: „Wie geht es eigentlich dir, Herr? Womit setzt du dich gerade auseinander? Was ist dir momentan wichtig? Willst du mich teilhaben lassen, welches deine Prioritäten im Moment sind?“

Und – wenn ich mir wirklich Zeit nehme – teilt er manchmal mit mir einige seiner Gedanken, einige seiner Themen…

Ich wünschte mir mehr für ihn und auch mich, dass Beten in meinem Leben nicht eine Einbahnstrasse bleibt!

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