In der heutigen Morgenandacht ging es um Krankheiten von Prominenten – und wie der Normalbürger das oft bewertet. Aber auch, wie Besucher mit Erkrankten umgehen. Oder sich schwertun. Unter anderem sagte die Sprecherin:

Eine Bekannte, die Krebs hat, hat mir neulich erzählt, dass sie fast keine Besuche mehr ertragen könnte. Denn entweder wären ihre Bekannten wegen ihres Schicksals so am Boden zerstört, dass sie die Besucher trösten müsse.
Oder sie redeten auf sie ein, dass alles bestimmt nicht so schlimm kommen würde wie die Ärzte sagen. Einfach nur da sein, die Krankheit mit aushalten – das könnten die Wenigsten.

Tolles Beispiel bei Hiob

Im Buch Hiob wird ein interessantes Thema behandelt: Wie reagiert ein tiefgläubiger Mensch, wenn das Leiden an ihn ganz persönlich herankommt. Wird ihm sein Glaube helfen? Wird er an Gottes Güte zweifeln oder ihm Härte vorwerfen? Noch andere Themen werden angesprochen. Bemerkenswert allerdings ist die Reaktion seiner Freunde, als sie von den unsäglichen Leiden des Hiob hören. Hier der biblische Bericht:

„Es hatten nun die drei Freunde Hiobs von all diesem Unglück gehört, das über ihn gekommen war. Da kamen sie, jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman und Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Und sie verabredeten sich miteinander hinzugehen, um ihm ihre Teilnahme zu bekunden und ihn zu trösten.Als sie aber von fern ihre Augen erhoben, erkannten sie ihn nicht mehr. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten, und sie zerrissen ein jeder sein Obergewand und streuten Staub himmelwärts auf ihre Häupter. Und sie saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang. Und keiner redete ein Wort zu ihm, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob 2,11-12)

Ausdauernd und still

Drei Dinge zeichneten Hiobs Freunde aus: Zum einen äusserte sich ihre Anteilnahme auch deutlich nach aussen, indem sie weinten, ihre Kleider zerrissen und Staub auf ihre Köpfe streuten (damaliges Ritual bei grossem Leid), dann sassen sie sieben Tage lang bei ihrem betroffenen Freund und drittens schwiegen sie zusammen mit ihm. Tolle Typen, kann ich nur sagen. Sie machten alles richtig.

Stell dir das mal für deinen Fall vor: Du bist plötzlich schwer erkrankt, liegst im Spital – und dann tauchen deine Freunde auf, weinen mit dir, sehen ungepflegt aus und schlafen auch noch mit im Zimmer, vielleicht auf dem Boden. Reden nicht – sind aber immer da. Ob du ihnen abnehmen würdest, dass sie dich gern haben und mit dir fühlen?

Es ist gigantisch, wenn du Freunde hast, die erstmal gar nicht nach Worten ringen, nach Erklärungen suchen. Sondern das Kostbarste, was Menschen besitzen – Zeit – dir widmen. Und nicht nur zu einem obligatorischen Krankenbesuch, weil es der Anstand oder das Pflichtgefühl fordern, sondern weil Liebe im Spiel ist. Tag für Tag ist es eine Wohltat für Hiob, dass da Leute neben ihm sitzen, die seinen Schmerz teilen, ihn mit ihm aushalten. Eine echt starke Freundesleistung!

Und heute?

Ich höre immer wieder Argumente, wenn Menschen sich durch eine Krankheit, durch einen Todesfall bei Bekannten überfordert fühlen: „Ich weiss nicht, was ich da sagen soll.“ Oder: „Ich habe ähnliches noch nicht selber erlebt – was soll ich da schon sagen?“ Oder: „Für derartige Gespräche habe ich keine Begabung.“

Als ob es darauf ankäme. Du brauchst überhaupt nicht nach tröstenden Worten zu suchen, wenn sie dir halt nicht einfallen. Du brauchst die Krankheit auch nicht zu bagatellisieren oder Gründe dafür finden, warum gerade jetzt Gott so etwas zulässt. Du kannst ganz einfach sagen, dass du diese Situation schlimm findest und hilflos bist, auch Angst hast. Oder du schweigst einfach. Es müssen ja nicht sieben Tage sein…

Aber eines ist garantiert falsch: Die Kranken und ihre Krankheiten zu ignorieren, aus dem Weg zu gehen, sie zu meiden. Jeder Betroffene sehnt sich nach Anteilnahme, nach Interesse, nach Nach-Fragen. Und wird sie ihm zuviel, kann er sie immer noch abblocken oder um eine Auszeit bitten. Aber Jemanden gar nicht begegnen in seiner Not – das ist keine Lösung. Worte müssen gar nicht sein. Schweigen – siehe oben – reicht oft. Aber der Kranke spürt das Interesse des Besuchers.

Kerzen

Ich selbst bin momentan auch in so einer Phase, meinen vor wenigen Wochen diagnostizierten Prostatakrebs unter die Füsse zu bekommen. Und ich merke, wie unterschiedlich mein Umfeld reagiert. Von ganz lieben Mails oder Kommentaren (Blog) oder herzlichen Umarmungen geht die Bandbreite bis hin zum Ignorieren oder aus dem Weg gehen. Letzteres registriere ich ungewollt sehr wohl. Ich werde aber nicht ärgerlich, weil ich selber auch nicht immer auf Betroffene zugegangen bin. Aber ein Stück Traurigkeit ist schon dabei…

Und ich merke auch, dass Christen oft anders reagieren als andere Menschen. Irgendwie komplizierter. Weil sie ja „das Richtige“ tun wollen, wenn sie denn reagieren.

Da lobe ich mir meine atheistischen Freunde, die bisher, wenn sie es hörten, sich ziemlich robust äusserten. „So eine Sch….. aber auch!“ „Das kann doch nicht wahr sein!“ „Dass gerade dir das passieren muss“ – Die geäusserte Entrüstung tut der eigenen Seele einfach wohl.

Richtig cool fand ich, dass ein Kollege, der (noch) nicht wirklich gläubig ist, mir nach dem Urlaub mailte: „Ich habe in einer Kirche in Italien eine Kerze für dich angezündet!“ Wow, keine Ahnung, woher diese Tradition wirklich kommt, aber diese Geste hat mich echt berührt. Ein anderer Katholik hat das inzwischen auch getan (man kann sich dran gewöhnen, an diese Kerzen…). Und der moslemische Freund einer guten Bekannten war von der Nachricht, ich sei krank, so betroffen, dass er für mich beten will…

Noch mal der Tipp für solche Fälle: Vieles falsch machen kann man nicht beim Artikulieren der eigenen Anteilnahme. Aber nichts machen und die Situation ignorieren – das ist garantiert nicht richtig. Und auch nicht gut.

Foto: angelsami/piexelio.de

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