„Karierte Wolken“ von Matthias Storck ist das dritte Buch in jüngerer Vergangenheit, welches ich über ehemalige inhaftierte Stasigefangene in der DDR lese. Und es berührt mich ganz besonders. Haben die anderen Autoren bereits eindrücklich ihre Erlebnisse geschildert, gelingt es Storck auch durch eine besondere poetische Sprache und Satzdichte, Gefühle und Gedanken zu vermitteln.

Als Theologiestudent im „real existierenden Sozialismus“ wehrt er sich gegen Bevormundung, Anpassung und äusseren Druck. Dafür muss er manchen Preis zahlen.

Die plötzliche Verhaftung und der Einzug ins Untersuchungsgefängnis und   später nach der Verurteilung in den Vollzug sind der Hauptinhalt seines Buches. Wie übersteht ein Gefangener wochenlange Isolation, das mörderische Alleinsein, die totale Rechtlosigkeit? Wie geht er mit Verrat durch „Kameraden“ um? Wie übersteht man die perfide Art der Verhöre, die keinem der Insassen eine faire Chance zum Erklären geben?

Sehr detailliert schildert der Autor seine schier unmenschlichen Erlebnisse mit Gefängnispersonal und Stasioffizieren, mit sich selbst in der tötenden Isolation. Und dazu auch noch Glaubensfragen, wo Gott denn zu sehen sei, wenn das Dunkel zunimmt, die Verzweiflung steigt.

Und hier ein Kapitel aus dem Buch. Es heisst: Die Bibel:

Der Umgang mit Büchern im Knast könnte selbst ein Buch füllen. Einmal in der Woche wurde ein Bücherkarren über die Gänge geschoben. Wahllos waren in braunes Packpapier gehüllte Bücher darauf gestapelt. Die Klappe an der Zellentür wurde aufgerissen. Je zwei Bücher im Austausch waren den gefangenen zugestanden. Der Läufer schob acht bis zehn Bücher durch das Loch, dann wurde die Klappe wieder geschlossen. Ein paar Minuten blieben zeit blieben, um auszuwählen. Die Bücher bestanden zu achtzig Prozent aus den dickleibigen Klischee-Romanen des „sozialistischen Realismus“. Fachliteratur war verboten, Lyrik gab es nicht. Bekam ich ausnahmsweise einen Klassiker, hütete ich diese Beute wie den eigenen Augapfel.

Beim Lesen gab es böse Überraschungen. Fast alle Bücher waren zensiert. Mit dickem Filzstift waren oft ganze Absätze gestrichen. Wo dies zu mühsam erschien, waren ganze Passagen aus den Büchern herausgeschnitten.

Die Ursache fand sich in dem Mitteilungseifer der Häftlinge. Da jedes Schreibgerät unzugänglich war, wurde eine wichtige Stelle mit dem Fingernagel unterstrichen. Auf so gekennzeichnete Sätze wurde die Bücher Woche für Woche streng untersucht. Jede Fingernagelspur wurde von der Zensur getilgt.

Rätselhaft blieb, was es bei solchen Hofliteraten wie Becher, Hermann Kant oder Dieter Noll noch herauszustreichen gab. Besonders ärgerlich wurde es, wenn ein Klassiker von der Schere heimgesucht worden war. In Goethes „Faust“ fehlten bezeichnenderweise ganze Seiten. Welche Angst mussten diese Leute haben, die dafür einen ganzen Stab unter der Schere hielten! Das einzige Buch, dem diese Kuren erspart blieben, war seltsamerweise die Bibel.

Sie blieb vollständig. Wenn sie während der Freistunde aus der Zelle zur Kontrolle entnommen worden war, wurde ich sofort darüber informiert. Nach jeder Untersuchung bekam ich sie wieder. Sorgfältig waren gelöste Seiten oder ein Riss mit dem so raren Tesafilm repariert.

Selbst die Lesezeichen, die ich mir in Ermangelung anderen Materials aus Klopapier fertigte, lagen noch drin. Ein besonderes Ritual war die Rückgabe: Die Bibel wurde niemals durch die Klappe geschoben. Für dieses Buch wurde eigens die Tür geöffnet. Man bekam sie persönlich ausgehändigt. Ich habe mich immer gefragt, welche Gründe oder Ängste hinter dem fast magischen Umgang gesteckt haben mögen. Dass der Glaube berge versetzt, mag sein. Dass die Bibel aber Offizieren der Stasi derartigen Respekt einflösste, schien mir ein grösseres Wunder. 

Wenn Freunde verraten

Wirklich dramatisch wird das Buch, wenn Matthias Storck nach Freikauf, Übersiedlung in den Westen und nach Öffnen der Mauer seine eigenen Stasiakten liest. Und dabei auf vertraute Namen aus seiner Umgebung trifft. Ein Freund und Pfarrer war es, der ihren angeblichen Fluchtversuch an die Stasi verriet, diesen aber selber initiiert hatte. Storck und seine Frau wollten aber damals nicht flüchten, wollten im Land bleiben – und werden doch weggeschlossen. Die Konfrontation mit diesem „Freund“, dem sie damals bedingungslos vertrauten, löst aber die Spannung nicht. Denn dieser Pfarrer gibt nur das zu, was in den Akten schwarz auf weiss steht, hat kein Unrechtsbewusstsein.

Sie waren unschuldig

Auch andere sind überzeugt, sie hätten „nichts“ getan. Der Sanitäter, der ihm seine „Krankheit“ aus dem Leib geprügelt hatte – die Bilder steigen grausam aus der Versenkung wieder hoch –  blickt zwar an ihm vorbei, aber auch er hat nur Dienst nach Vorschrift getan, nie jemanden körperlich gezüchtigt. Die berüchtigte und gefürchtete Wärterin, unwissend, dass ihr ehemalige Häftlinge gegenüberstehen, meint auch dann noch, dass sie Gefangene nur umerzogen, aber niemals körperlich bestraft hat…

Wie soll der Prozess des Vergebens funktionieren, wenn der Täter kein Unrechtbewusstsein hat? Diese Frage treibt Schreiber und Leser dieses Buches weiter um. Storck selbst findet auch nur Teilantworten.

Zumal er lange nach seiner Haftzeit realisieren muss, dass selbst sein Vater inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Da muss die Welt zerbrechen…

Mich hat dieses Buch, ich muss es zugeben, echt erschüttert. Und bin doch froh, es gelesen zu haben, denn schlimm wäre, solche Zeiten einfach zu vergessen. Menschen sind auch heute und hier zu Schlimmen fähig – und es wäre gut, immer wieder aus der Geschichte zu lernen.

(„Karierte Wolken“ – erschienen im Brunnen Verlag)

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