Sie war vielversprechend, die Ankündigung einer DVD über die Grabeskirche in Jerusalem. Ich musste sie haben! Zumal ich damals bei unserer Reise ins gelobte Land in dieser Kirche keine Fotos gemacht hatte. Es erschien mir einfach zu kommerziell, zu trubelig, zu überzogen bunt und schrill…

Nun hatte ich ja die Gelegenheit – so dachte ich – genügend Informationen zu bekommen, nachträglich. Und tatsächlich, der Kameramann verstand es sehr gut, Details der vielen Nischen und Plätze innerhalb der Kirche einzufangen.

Aber auch die Gesichter derjenigen, die als Interviewpartner ihre Meinungen darlegten. Und das ist das Interessante an diesem Film von Hajo Schamerus – er erzählt darin keine Geschichte, sondern der Film lebt von den Erzählungen der gefilmten Personen.

Vielfalt in einer Kirche

Da ist der koptische Father, dessen „Partei“ nur am Katzentisch am Grab sitzt, sehr wenig Raum für ihre liturgischen Gebete habt. Aber er weiss, Gott liebt seine Kinder. Auf seinem Handy hat er ein Bild der Jakobsleiter, die ihn ermahnt, auf dem Weg zum Himmel nicht auszurutschen.

Da ist der sympatische idische Bruder Jayaseelan, seines Zeichens Franziskaner, der ziemlich neu in diesem Wirrwarr der christlichen Strömungen ist. Aber er versucht mit Freundlichkeit damit klarzukommen.

Father Samuel kam mir als der „Politstratege“ vor, der sehr darauf achtet, dass die Privegien seiner armenischen Gemeinschaft gewahrt werden. Sein Statement lautet: „Wenn du schwach bist und nachgibst, verlierst du“. Hm – das lässt die Konfliktbereitschaft in dieser speziellen Kirche ahnen…

Aber auch äthiopische Mönche, griechische Patriarchen und Franzsikanermönche haben Mühe, ihre Plätze zu verteidigen. Es geht um den „Status quo“ – alles beim Stand von 1852 zu belassen: den Platz der Teppiche, die Zahl der Kerzen und den Raum für die einzelnen Konfessionen für ihre Liturgien.

Wer hat die Schlüssel?

Eigentlich hat mich dieser Film seltsam berührt. Zum einen negativ durch die Rangeleien, die Eifersucht, die besten Plätze zu haben usw. Andererseits schimmerte immer wieder die Frömmigkeit der einzelnen Gottessucher durch, die Andacht in der nächtlichen, von Besuchern freien Kirche.

Eine Sache zum Schmunzeln am Rande: Den Schlüssel zum einzigen Eingangstor der Kirche verwaltet seit 638 n.Chr. eine muslimische Familie. Aber eigentlich sind es dann doch auch zwei Familien geworden, die jeweils die grössere Ehre für sich in Anspruch nehmen wollen. Das passt ja nun wieder zur Örtlichkeit.

Beängstigend die Szenen zu Ostern, bei der die Kirche selbst und das Umfeld voller Menschen steckt, kaum ein Vorwärtskommen ist möglich. Oder wie ein Priester mit dem Osterfeuer durch den Raum rennt…

Ein Film, der sich zu sehen trotz allem lohnt. Liebhaber der Heiligen Stadt werden Bekanntes wiedererkennen und Neues entdecken.

Interessant fand ich allerdings – nicht im Film aber bei den specials – die Bemerkung von Pater Robert: „Manchmal stelle ich mir vor, dass Jesus plötzlich neben mir sthet und ich ihn dann frage: Was machst du denn hier?“

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