… wenn Millionen sich in den letzten Wochen zu Ihrer Person äußerten – warum sollte ich das nicht auch tun? Eine Meinung mehr in der Pipeline, was macht das schon?

Ich muss Ihnen sagen, dass ich mit Interesse und Spannung die Entwicklung Ihres „Falles“ verfolgt habe. Kein Tag verging nach dem ersten Plagiatsverdacht, an dem nicht neue Einzelheiten zu Ihrer Doktorarbeit bekannt wurden. Und irgendwie – ich bekenne es – habe ich gewünscht, dass sich das „Abstruse“ bewahrheitet, Sie also nicht schuldig wären. Was sich aber nun doch nicht bewahrheitet hat…

Keine Bange, ich möchte nicht auch noch in den Chor der Richter mit einstimmen. Das übrigens hat mich – wieder einmal – erstaunt, wie erbarmungslos die öffentliche Meinung (wer auch immer das ist bzw. dazu gehört) doch über einen Menschen richtet, der sich falsch verhalten hat.

Ob es mehr die politischen Gegner sind, die ihre Häme über Sie ausgießen, ob es die „Saubermänner“ in Politik und Gesellschaft sind, die eigentlich froh sind, nicht selber am Pranger zu stehen oder ob es „Lieschen Müller“ ist, die so gar nicht versteht, dass ein Mann Ihrer Herkunft und Ihres Amtes „so etwas“ getan hat. Aber sie sind sich alle einig: „Frau Merkel, setzen sie diesen Minister ab!“ Als ob das eine mit dem anderen etwas zu tun hat. Oder hat es das?

Was mich aber echt auf die sprichwörtliche Palme bringt ist die Selbstgerechtigkeit, mit der z.B. andere Politiker Sie ins Kreuzfeuer nehmen. Ich habe Herrn Trittin zugehört, der mit ausladenden Gesten Ihren Rücktritt forderte. Ich habe hartherzige Kommentare auf Onlineportalen gelesen, die Sie in Bausch und Bogen verdammten.

Hmmm – fast glaube ich, dass es den Leuten gut tut, einem anderen Sündenbock  an den Kragen zu gehen. Das lenkt ja bekanntlicherweise von eigenen Unzulänglichkeiten oder Fehlern ab. Und der smarte aufsteigende Vorzeigepolitiker mit den vielen Vornamen eignet sich da sehr gut als Hämeobjekt.

Was wäre, wenn einer von diesen Kritikern plötzlich vor einem ähnlichen Tribunal stünde? Ein ganzes Land beweist, begutachtet, bekrittelt eine einzige Person…

Lieber Herr zu Guttenberg, eine positive Wirkung hat Ihre Doktorarbeitaffäre aber doch: Die Universität Bayreuth will in Zukunft viel mehr Stichproben von wissenschaftlichen Ausarbeitungen machen. Rüdiger Bormann, der Präsident der Universität nannte aber auf Journalistennachfrage keine Einzelheiten, nach welchem Modus da geprüft würde. Das finde ich gut, wird es doch etlichen Schummlern (vielleicht) schlaflose Nächte bereiten, denn plötzlich stünden sie im Kreuzfeuer der kritischen Öffentlichkeit…

Und – vielleicht wäre da mancher darunter, der Sie momentan so hart angreift.

Übrigens hat ein bekannter Rabbi vor längerer Zeit einmal diesen Satz geprägt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“*

Herr zu Guttenberg, ich wünschte, dass die Demut, von der Sie selber sprachen, ein Kennzeichen Ihres weiteren Leben sein möge, ob als Politiker, Ehemann, Vater oder in irgendeinem anderen Job. Und dass die Erfahrungen der gerade vergangenen Wochen Ihren Wunsch nach mehr Transparenz und Ehrlichkeit stärkt.

Mit freundlichen Grüssen,
Ihr Andreas Meißner

Foto: Alexander Hauk / pixelio.de

* Natürlich möchte ich in diesem Blog auch sauber zitieren und liefere die Quelle dieser Aussage noch nach. Sie steht in Johannes 8 Vers 7 – in der Bibel.

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