Steven* ist krank, sehr krank. Weihnachten konnte er zu Hause sein. Das war schön. Aber schon da hat ihm seine Atmung zuschaffen gemacht.

Jetzt liegt er in seinem Bett im Krankenhaus. Die Gedanken kreisen. Nein, tagsüber will er nicht schlafen. Lieber in der Nacht. Wenn er nach links schaut, dann erhascht er einen Blick aus dem Fenster. Und sieht den Himmel. Auf den freut er sich. Nicht nur wegen seiner Schmerzen. Sondern weil er IHM begegnen wird. Und ER ihn in seine Arme nimmt.

Dabei ist ihre Freundschaft noch ziemlich ungewohnt. Viele Jahre, Jahrzehnte, ging es ja auch ohne IHM. Aber als das Leben immer enger wurde – spätestens als er hörte, dass er Krebs hat – findet ein Umdenken statt. Und das Wunder geschah, um welches seine Frau lange Zeit gebetet hatte (und viele Freunde mit ihr…).

Sie durften diese innige Zweisamkeit im gemeinsamen Denken und Austausch noch viele Wochen erleben und geniessen. Das, was sich lange keiner vorstellen konnte, hat DER, zu dessen Geschäft „Gnade“ gehört, fertiggebracht. Wenn auch über den Türöffner Krankheit. Aber das ist in Ordnung so. Viele Gespräche, Nachdenken über biblische Aussagen – eine ganz neue Welt tat sich auf. Und auch die Sehnsucht nach dem Himmel, nach dieser so andersartigen, aber faszinierenden Welt des Schöpfers, der ihn unbegreiflicherweise in seine Familie aufgenommen hat.

Steven liegt und sein Blick fällt auf das kleine Tischchen gegenüber an der Wand. Dort liegt eines seiner Weihnachtsgeschenke. Ein kleines Kind in eine grosse Hand geschmiegt. Freunde hatten ihm erzählt, dass es ihnen auf dem Herzen lag. Irgendwie sollte es „dieses“ Geschenk sein, auch wenn die Verkäuferin im Buchladen etwas skeptisch schaute, als sie auf ihre Frage: „Soll es für ein Kind sein?“ zu hören bekam: „Nein, für einen älteren Herrn!“

Immer wieder kreisten in den letzten Wochen seine Blicke und Gedanken um diese Hand. Wie eben auch jetzt wieder. Was für eine Sicherheit strahlt diese Hand aus! Und wie viel Geborgenheit! In so einer Hand war man sicher. War er – Steven – sicher. Ob hier im Bett mit all den Schläuchen für sein Lungenwasser oder auch in der künftigen Zeit. Dieser Hand hatte er sich bewusst anvertraut. Und diese Hand würde ihn niemals mehr loslassen. Es war die Hand mit den Narben aus schlimmen Erleben. „Er“ wusste, was Schmerzen sind, hat sie bis in bittere Tiefen erlebt und durchkostet. Er weiss auch, was Sterben ist…

Steven hat keine Angst vor dem Tod. Nicht mehr. Mit seiner Frau konnte er über vieles reden. Die Ansprüche des Lebens, auch seine Fehler – das alles zählt nicht mehr. Nur noch dieser freie Blick auf diese Hand, die Geborgenheit vermittelt.

Er schliesst kurz seine Augen. Und dann spürt er sie tatsächlich. Körperlich. Diese warme und feste Hand, die ihn nie – niemals – mehr loslassen wird.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir. (Psalm 139,5)


Gestern Abend ist er in die andere Welt hinübergegangen. Seine Frau hielt seine Hand. So lange, bis ein anderer sie festhielt. Und mit ihm in die hellen Wohnungen beim Vater einzog…

*Name geändert

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