Manchmal frage ich mich, wozu wir eigentlich die Bibel lesen? Brauchen wir Gottes Wort, um mehr Faktenwissen im Kopf zu speichern? Oder gibt es tatsächlich auch – immer wieder – hilfreiche Parallelen des biblischen Geschehens mit unserem, mit meinem Alltag?

Letztens fiel mir mal wieder auf, dass Gott – weise, wie er nun mal ist – bestimmte Episoden seiner Leute den heutigen Lesern nicht unterschlägt. Auch wenn es nicht so gut gelaufen ist…

Zwei Beispiele

Da war der Priester Eli – eine wahrhaft gottzentrierte Gestalt aus alter Zeit. Seinen Dienst in der Stiftshütte führte er ausnehmend gut durch. Gott und Menschen wurden durch ihn bereichert. Später übernahmen seine Söhne viele praktische Dienste im geistlichen Bereich, schliesslich war der Vater alt geworden. Und irgendwann kippte deren Verhältnis zu Gott. Sie richteten sich nicht mehr nach seinen Grundsätzen aus, sondern lebten ihre eigenen Vorstellungen im Alltag. Das bedeutete, dass sie den Kultus für den eigenen Vorteil missbrauchten. Und auch Tempelprostitution in Anspruch nahmen. Es heisst in 1. Samuel 2:

12 Aber die Söhne Elis waren Söhne Belials; sie kannten den Herrn nicht.
13 Und die Priester verfuhren so mit dem Volk: Wenn jemand ein Schlachtopfer darbrachte, so kam der Diener des Priesters, während das Fleisch kochte, und hatte eine Gabel mit drei Zinken in seiner Hand;
14 und er stieß damit in den Topf oder Kessel, in die Pfanne oder Schüssel: alles, was er mit der Gabel herauszog, das nahm der Priester für sich. So machten sie es bei allen Israeliten, die dorthin nach Silo kamen.
15 Ebenso kam der Diener des Priesters, ehe man das Fett in Rauch aufgehen ließ, und sprach zu dem, der opferte: Gib das Fleisch her, damit man es für den Priester braten kann; denn er will nicht gekochtes, sondern rohes Fleisch von dir nehmen!
16 Wenn der Betreffende dann zu ihm sagte: Man soll doch zuerst das Fett in Rauch aufgehen lassen — dann nimm, was dein Herz begehrt!, so sprach er zu ihm: Du sollst es mir jetzt geben; wenn nicht, so werde ich es mit Gewalt nehmen!
17 So war die Sünde der jungen Männer sehr groß vor dem Herrn; denn die Leute verachteten die Opfergabe des Herrn.

22 Eli aber war sehr alt; und er hörte alles, was seine Söhne an ganz Israel taten, und daß sie bei den Frauen lagen, die vor dem Eingang der Stiftshütte den Dienst verrichteten.
23 Und er sprach zu ihnen: Warum tut ihr dies? Denn ich höre von dem ganzen Volk euer böses Handeln!

24 Nicht doch, meine Söhne! Denn das ist kein gutes Gerücht, das ich höre; ihr bringt das Volk des Herrn dazu, daß es Sünde begeht!

Was Elis Söhne taten war genau das Gegenteil von dem, wohin sie die Menschen führen und anleiten sollten. Das Traurige: Eli, schon ziemlich alt, hat nicht mehr die Autorität, sie in ihre Schranken zu weisen! Sein: „Nicht, doch, meine Söhne…“ war ein kraftloses Erwähnen ihres Versagens – anstelle er dafür gesorgt hätte, dass andere – gottesfürchtige – Leute ihre Stelle einnahmen. Das mosaische Gesetz gab übrigens ganz klare Hinweise, wie man mit Söhnen verfahren sollte, die auf Ermahnung und Erziehung nicht ansprechen wollten…

Und auch hier in Elis Geschichte geht diesselbe ungut aus. Aber das kann man selber nachlesen. Für mich versagt hier ein Vater, weil er klare Grenzüberschreitungen nicht klar zur Sprache bringt bzw. ihnen wehrt. Soweit kann man kommen, wenn die „Liebe“ für die eigenen Nachkommen über alles geht und die eigene Schwäche überdecken soll. Sein inkonsequentes Handeln trug bittere Früchte…

Ein weiteres Beispiel

David und sein Sohn Adonija. In 1. Könige 1 liest man die traurige Geschichte:

5 Adonija aber, der Sohn der Haggit, erhob sich und sprach: Ich will König werden! Und er verschaffte sich Wagen und Reiter und 50 Mann, die vor ihm herliefen.
Aber sein Vater hatte ihn nie betrübt zeit seines Lebens, so daß er gesagt hätte: Warum tust du so etwas? Auch war er sehr schön von Gestalt…

Davids Lebensgeschichte ist sehr bewegt. Vieles läuft sehr gut (er war ein Mann nach dem Herzen Gottes), aber es gab auch viel Menschliches in seinem Werdegang. Dazu gehörte wohl seine Schwäche seinen Söhnen gegenüber. Schon Absalom bereitete ihm grossen Kummer – jetzt begehrte auch sein Sohn Adonija auf. Interessanterweise auch, als David alt geworden war. Irgendwie denkt da wohl die nächste Generation: Jetzt können wir machen, was wir wollen…

Im Bibeltaxt fällt dem Leser diese Passage ins Auge, dass David diesen seinen Sohn wohl zeitlebens nie wirklich Grenzen gesetzt hat. Vielleicht hatte er Angst, dass klare Erziehungshinweise sein inniges Verhältnis stören könnte. Deshalb liess er vieles laufen, was nicht in Ordnung war.

Und er hätte wohl kaum damit gerechnet, dass sich dieser Sohn mal total gegen ihn stellen würde, ihm seine Königswürde bei Lebzeiten noch rauben würde. Dabei kannte er Gottes Gedanken über Erziehung sehr gut, konnte diese aber letztendlich nicht umsetzen. Wie schade…

Und heute?

Natürlich weiss ich, wie schwierig Kindererziehung ist. Bei fünf eigenen Kindern haben wir einiges erlebt. Jedes Kind ist anders, Situationen kann man oft nicht vergleichen. Kinder und Eltern auch nicht. Und doch gibt es einige Prinzipien, die unabhängig von Kultur und Lebenslauf gelten. Es kann nicht sein, dass ein 3- oder 4-jähriges Kind (aus welchen Motiven auch immer) seinen Vater schlägt, weil es seinen Willen nicht bekommt oder die Mutter mit Worten beschimpft, die es von anderen Kindern aufgeschnappt hat. Natürlich sehen solche Eltern das Ganze auch noch oft positiv: Unser Sohn entwickelt schon jetzt seine Führungsstärke, sagt man. Oder: Gott hat ihm halt diese Durchsetzungskraft gegeben, das wollen wir akzeptieren…

Der Fernseher

Ich bin froh, dass wir diese Erziehungsarbeit schon länger hinter uns haben, schliesslich kostetete sie auch viel Kraft. Aber selbst bei unseren Enkelkindern, für die wir ja nur temporäre Verantwortung haben, erleben wir Situationen, wo wir ihnen Grenzen setzen wollen und müssen.

Ein Beispiel: Der eineinhalbjährige Bub untersucht bei seinen Besuchen immer alle Knöpfe, die er drücken kann. Dabei hat er schon unsere Telefonanlage ausser Betrieb gesetzt, die Uhren am Herd verstellt, den Radiowecker so aktiviert, dass mitten in der nächsten Nacht das laute Radio uns aus dem Tiefschlaf schreckte… Nur an den neuen Fernseher wollten wir ihn nicht lassen. Klein-Finn stand davor, den Finger zum Knopfdrücken ausgestreckt. Von der Couch kam ein deutliches: „Nein, Finn – nicht drücken!“ Trotzdem nähert sich sein Finger weiter dem begehrten Knopf. Ein zweites „Nein!“ ertönt, eine Spur lauter. Er steht, den Finger ausgestreckt, den Kopf leicht in meine Richtung gedreht. Und ich spüre förmlich, wie es in seinem Köpfchen diesen Kampf gibt: Knopf drücken (sehr begehrlich) oder Stoppsignal beachten? – Nach längerer Entscheidungsfindung dreht er ab und läuft zu seinen anderen Spielsachen. Es geht also doch! Und wir sind dankbar, dass unsere Kinder ihren Kindern wiederum lehren, dass es Grenzen im Leben gibt. Und ihnen lernen, diese auch zu respektieren. Für ihr eigenes Wohl und für ein gutes Miteinander als Familie.

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