Scan10055Die Redakteure unserer Lokalzeitung hatten beschlossen, „Zeitzeugen“ des Mauerfalls auch hier im tiefsten Südwesten zum Tag, als die Mauer fiel, zu befragen. Nachfolgend ein Artikel „meines“ Redakteurs, der irgendwann mitbekam, dass ich „aus Erichs Dunkelkammer“ stammte und somit seinen Beitrag schreiben konnte…

Erinnerungen an den Berliner Mauerfall: Andreas Meißner lebte nah an der Mauer und heute in Kandern
Von Tim Nagengast
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Kandern. So manches in Andreas Meißners Wohnung in Kandern erinnert noch an die DDR, jenen vor 20 Jahren in der Geschichte versunkenen zweiten deutschen Staat, der dem Maschinenbauingenieur einst Heimat war – eine Heimat mit einem System, dem Meißner keine Träne nachweint.
Keine zwei Kilometer sind es vom brandenburgischen Hohen Neuendorf bis zur Mauer, jenen – frei nach DDR-Doktrin – „antifaschistischen Schutzwall“, der West- Berlin von seinem Umland trennt und es zur „Insel im roten Meer“ macht, wie es Andreas Meißner formuliert.

Der heute 54-jährige Wahl-Kanderner lebt 1989 in eben jenem Hohen Neuendorf, als dank glücklicher Umstände die Berliner Mauer über Nacht fällt. „Wir hörten regelmäßig Westradio, also den SFB oder Rias, hatten auch Freunde aus West-Berlin“, erinnert sich Meißner an jene Tage des Umbruchs zurück. Wie oft hatte er auf die so genannte Bösebrücke geblickt – jene Brücke am Grenzübergang Bornholmer Straße, wo in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die uniformierten Vertreter des klassenlosen „Arbeiter- und Bauernstaats“ erstmals dem Druck der Masse nachgaben und „geflutet haben“, wie es der zuständige Grenzoffizier formuliert haben soll. Für Andreas Meißner ein Bild, das ihm bis heute „unwirklich“ erscheint.

Denn damals scheint es dem jungen Familienvater so, dass die Mauer fest zementiert ist. Für alle Zeiten. Unverrückbar. „Obwohl wir ja mitbekamen, was in der Tschechoslowakei los war, wie die Menschen über Ungarn abgehauen sind, haben wir nicht gedacht, dass hier jetzt so schnell was passiert“, denkt Meißner zurück, „es war einfach spannend, weil
etwas in der Luft lag.“ Ohnehin ist der damals 34-Jährige an jenem „magischen“ Datum mit anderen Dingen beschäftigt. Für ihn, den gläubigen und praktizierenden Christen, sowie einige Freunde steht ein gemeinsames Bibelseminar in Halle an. Der „Barkas“, jenes ostdeutsche Pendant zum VWBus, ist schon gepackt.

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„Irgendwas von
einem Reisegesetz“
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Als die Berliner Mauer dann Stunde um Stunde immer löchriger wird, hört Andreas Meißner im Radio „irgendwas
von einem Reisegesetz und Anmeldung“. Meißner hört nicht genauer hin. Er erfährt auch nicht, was Politbüromitglied
Günter Schabowski auslöst mit der Feststellung, das neue Reisegesetz für DDR-Bürger trete „unverzüglich“ in Kraft. Andreas Meißner ahnt nicht, was sich da im nur wenige Kilometer entfernten Berlin abspielt. Genau an jener Bösebrücke, über die er doch immer so gerne mal gehen möchte.

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Immer noch
nichts mitbekommen

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Am frühen Morgen des 10. November hat Meißner – er freut sich auf die Fahrt nach Halle – „immer noch nichts mitgekriegt“. Und was wirklich los ist, begreift er auch dann noch nicht, als ein Freund ihm sagt, sein Sohn sei „heute Nacht drüben gewesen“. Meißner setzt sich in seinen „Barkas“, schaltet das Autoradio ein. Westradio. „Da sagten sie was von Tausenden von Menschen“, erinnert er sich. Und steuert seinen Kleinbus durch die Straßen der „Hauptstadt der DDR“ – macht einen Abstecher von seiner Route direkt auf den Grenzübergang Bornholmer Straße zu. Meißner
schaut durch die Frontscheibe. „Da standen Grenzer, die freundlich gelächelt und gewunken haben. Freundlich!
Das gab es nicht, das war so surreal.“ Freundliche Grenzer? Offenbar zu surreal für Andreas Meißner. Wie im Nebel
winkt er einem Beamten zurück – und dreht sein Auto ab. „Dabei war es ein Traum von mir, mal mit dem Auto durch West-Berlin zu fahren.“ Nein – Meißner wendet sein Fahrzeug und biegt ab. „Ich hab‘ es einfach nicht gerafft“, sagt er heute.

AmAbend des 10. November – mittlerweile in Halle – sucht sich Meißner eine Telefonzelle. Er ruft seine Frau daheim an, die ihm aufgeregt schildert, was in Hohen Neuendorf, das ja fast an der Mauer liegt, los ist. Andreas Meißner versteht.

Und bleibt dennoch in Halle. „Wir hatten dieses Bibelseminar halt damals eingeplant“, sagt er heute. Und es klingt fast entschuldigend

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Einmal mit dem Auto
über die Bösebrücke

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Eine Woche später jedenfalls erfüllt sich Meißner seinen Traum: Er fährt mit dem eigenen Auto über die Bösebrücke,
über den Grenzübergang Bornholmer Straße durch West-Berlin. Mit dem Auto! Und das macht er heute noch gern. Nur mit dem Auto. „Es war ein Riesen-Wunder, es war Gottes Fügung“, ist sich Meißner sicher, während er in Kandern am
Wohnzimmertisch sitzt und in seinem Wehrpass der Nationalen Volksarmee mit dem Schwarzweißfoto darin blättert.
Zum „Jubiläum“ des Mauerfalls weilt er übrigens in der Gegend von Oranienburg – alte Freunde besuchen. Wenn genug Zeit bleibt, dann fährt der fünffache Familienvater schnell nach Berlin. Vor allem in den ehemaligen Westteil der
Stadt. Und zwar mit dem Auto! Jene Freiheit genießen, deren abruptes Aufkommen er so nicht verstanden hatte. Er hatte es „einfach nicht gerafft“.

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