24759Angeregt durch eine Buchbesprechung (siehe weiter unten) kamen Gedanken und Erinnerungen hoch…

Das habe ich in vielen Jahren oft gedacht: Es gibt zwar jede Menge Arbeit in der Gemeinde, aber sie muss einfach getan werden. Und da ich manches ganz gut konnte, habe ich auch oft und gerne zugepackt.

Mit der Zeit wurden diese Tätigkeiten immer mehr. Aber – von zu Hause schon in der Kindheit zum Helfen angehalten worden – sie wuchsen mir auch mehr und mehr über den Kopf. Und das Schlimmste dabei im Nachhinein war das Argument: Ich tue das alles doch für Gott! Also ist es auch okay und richtig so.

Nur – mit der Zeit biss ich mich da so hinein, dass ich auch kritisch wurde. Menschen gegenüber, die sich doch bitte auch mehr in die Gemeindearbeit einbringen könnten. Meiner Familie gegenüber, die Zeit und Kraft für sich beanspruchten, die ich doch fürs „Werk Gottes“ so nötig brauchte. Und Gott gegenüber, der mich und meine Kräfte ziemlich ausbeutete und mir keine Entlastung schenkte. Im Gegenteil – ich sah immer mehr Aufgaben und wer musste sie dann auch erledigen? Ich meinte, meist ich selber…

Die Kinder zogen sich langsam von mir zurück, meine Frau ging immer vorsichtiger mit mir um bzw. erledigte häusliche Dinge oft selbst. Sie wollte den „armen Mann“ nicht noch zusätzlich belasten. Der hatte ja genug mit seiner Arbeit für Gott zu tun. Predigen, Gemeindezeitung schreiben und gestalten, Events organisieren, Ältestenbesprechungen, Leute zu Hause besuchen und und und…

Ich kannte damals das Wort „Burnout“ nicht. Aber die – mir jetzt bekannten – Fakten trafen so ziemlich auf mein Leben zu. Ich war kurz davor, auszubrennen.

Und da griff Gott ein. Das zeigte sich in einer (vordergründig) neuen Belastung: Meine Frau und ich meldeten sich für eine einjährige Seelsorgerausbildung an. Das braucht man ja in der Gemeindearbeit, da man in Gesprächen mit Menschen oft an Grenzen stösst und hilflos ist. Ganz ertaunt war ich, dass es in diesem Jahr gar nicht so um die anderen Menschen ging, sondern um mich selbst. Ich war viele Jahrzehnte immer darauf ausgerichtet gewesen, für Andere da zu sein, dass die Reise ins eigene Ich, das Entdecken der eigenen Persönlichkeit und Prägung etwas ganz Spannendes wurde.

Und ich lernte in dieser Zeit Gott neu kennen und sehen. Viele Facetten an ihm hatte gar nicht mehr bemerkt. Es ging ja eh nur um Arbeit und Leistung. Und darum, Sünde aufzudecken. Und dann trafen mich solche Sätze ganz tief im Innern: „Jesus ist nicht fehlerorientiert, sondern gnadenorientiert!“ Und ich? Ich hatte genau diese Botschaft so nötig, weg von den Fehlern und mehr auf die Chancen zu sehen, die der Andere durch Gott bekommen sollte.

Eine Aussage war auch sehr hilfreich für mich: „Du kannst den Anderen nicht ändern! Du kannst nur dich selbst ändern!“ – Peng, das sass. Und entlastete mit der Zeit ungemein. Nicht ich war in erster Linie für Veränderungen bei den Anderen verantwortlich, sondern er selber und Gott. Puh, das half einen Riesenschritt weiter…

Mehr an dieser Stelle erstmal nicht zu den weiteren Erkenntnisschritten. Aber Gott war gnädig, schenkte uns den Wechsel in eine andere Gemeinde, ein Ruhejahr und neue, aber weitaus stressfreiere Aufgaben. Und den neuen Blick für meine Kinder, für Menschen eben und nicht Arbeiten, Leistung und Stress. Und heute kann ich mit den meisten Anforderungen viel besser umgehen und stelle mir – immer öfter – die Frage: Tue ich das wirklich für Gott? Oder für mein Ego, für meine Minderwertigkeitskomplexe, fürs Ich… Und ich frage mehr: Herr, was von den vielen Projekten, die mich immer noch interessieren, was davon ist jetzt dran für mich. Dabei wurde mir neu der Vers aus dem Epheserbrief wichtig:

Denn wir sind seine Schöpfung (sein Werk), geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. (2,10)

Und ich hoffe und bete, dass es auf dieser „Reise“ zu Gottes wirklichem Wesen weitere entlastende Entdeckungen und Geschenke gibt. Nein, burnoutgefärdet möchte ich nie wieder sein!

 

Und hier der Auszug aus einer Buchbesprechung zum Thema mit der Auflistung der verschiedenen „Typen“. (Was meinst du wohl, welcher Typ ich war oder schnell wieder sein könnte?:-)

  • Der Perfektionist: Er meint das einzig gültige Lebenskonzept zu haben. Er legt viel Wert auf Äußerlichkeiten. Alles muss perfekt sein. Der Perfektionist ist sehr belehrend. Er setzt Regeln und erwartet, dass diese auch eingehalten werden. Unzulänglichkeiten und Kompromisse kann er schlecht aushalten. Der Perfektionist muss lernen, dass er als Mensch geachtet und durch sein Wesen geschätzt wird und nicht nur aufgrund seiner Perfektion.
  • Der Helfer: Er macht sich unersetzlich und ist es oft auch. Seine Hilfsbereitschaft ist beeindruckend. Unterschwellig sind seine Leistungen aber oft an Bedingungen geknüpft. Er erwartet eine angemessene Anerkennung. Fällt die Wertschätzung zu gering aus, erhöht er seine Aktivitäten, um endlich das zu erhalten, was ihm zusteht. Der Helfer muss viel tun, um ausreichend Dank und Lob zu erhalten und um sein Selbstwertgefühl zu stärken. Doch wer viel arbeiten muss, um seinen Selbstwert bestätigt zu sehen, ist sehr Burn-out gefährdet.
  • Der Ja-Sager: Er hat lange eingeübt, es jedem recht machen zu wollen. Der Ja-Sager packt lieber noch etwas bei sich selbst drauf und sagt: Ja. Wer sich in der Erschöpfungsspirale befindet, kann noch weniger Nein sagen. Ein erster Schritt ist es, das Selbstbild zu ändern: „Ich muss und kann es nicht jedem recht machen. Es ist eine Frage der inneren Erlaubnis: „Ich darf auch Nein sagen.“ Man kann es lernen, sich auch dann gut zu fühlen, wenn das Nein auf Erstaunen stößt und Enttäuschung auslöst.
  • Der Idealist: Er hat große, ferne Ziele. Er lebt emotional schon im Übermorgen und tut so, als hätte er seine Ziele schon erreicht. Alles wird der Vision untergeordnet. Die vielen kleinen Schritte dahin sind ihm lästig. Visionen sind wichtig, sie können aber auch hinderlich sein, wenn es darum geht, den Alltag zu meistern. Idealisten klagen oft, dass ihre Ideen ungenügend geschätzt würden. Sie fühlen sich in ihrem Engagement allein gelassen. Eine einfache Frage, die Idealisten vor Überforderung schützt: Was ist hier und jetzt für mich dran?
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