loipe2Während der Wind immer heftiger wird und teilweise unangenehm den Schnee hochwirbelt, schaue ich vermehrt auf die Spur vor mir, in der ich laufe. Die Loipe ist am Morgen gut gespurt worden – und viele Langläufer nutzen sie auch. Erstaunlich der Altersquerschnitt: Von Kindern, die mit ihren Eltern unterwegs sind bis hin zu alten Männer und Frauen, die den Kurs unter die Bretter nehmen. Hochachtung vor ihnen, denn ich als Gelegenheitssportler muss ganz schön Gas geben, um mitzuhalten.

Beim Langlauf ist man mit seinen Gedanken ziemlich für sich und das Bild, welches ich direkt vor Augen habe – meine Skispitzen und die Loipenspur – bildet eine sich entwickelnde Gedankenkette.

Spuren

Wer hat eigentlich die Spuren in meinem Leben gelegt? Na klar, in erster Linie meine Eltern. Vieles habe ich als Kind nicht bewusst aufgenommen, aber athmosphärisch schon. Der Umgang der beiden miteinander, das Lachen und der Humor meines Vaters, der Fleiss und die klaren Grenzen, die Mutter gesetzt hat (für sich und andere), das trösten bei verletzungen, aber auch die Strafe bei Ungehorsam. Weiteres haben meine Geschwister geprägt, meine Oma, die mit im Haus wohnte. Später Lehrer, Freunde, Ausbilder, Gäste und Christen aus der Gemeinde.

Geistliche Loipe

Und – gibt es so etwas wie eine geistliche Loipe? Wer hat eigentlich die Spur für mein Gottesbild, für meine Überzeugungen in Glaubensdingen gelegt? Und wohin genau führt diese Loipe?

Während des Langlaufs schaue ich auch immer wieder nach vorn – doch das Ende des Tals ist in einer dichten Wolke verborgen. Nicht zu sehen. Auf den Gedanken, dass die Spur ins Nichts führt, komme ich erst gar nicht. Dazu ist mein Vertrauen zu gross. Und so ist es auch in Glaubensdingen – ich weiss einfach, dass der Weg einmal bei Jesus enden wird. Das hat er in seinem „Loipenbuch“ versprochen.

Stationen

Ehe wir an diesem Schneetag zum Langlauf starteten, schauten wir uns den Loipenplan an. Wo sollten wir beginnen, wie weit laufen? Als wir dann unterwegs sind, geniessen wir nicht nur die weisse Weite, den malerisch verzauberten Schneewald, durch den die Route führt, sondern auch jeden Rastpunkt. Mal ist es eine kleine Hütte mit WC, mal eine Abzweigung zu einer Nebenloipe oder das Hinweisschild auf ein Restaurant. Mal anhalten, durchatmen, ausruhen. Aber dann gehts weiter Richtung Ziel.
Auch in meinem Glaubensleben gibt es imer wieder besondere Stationen: zur neuen Orientierung, zum Durchschnaufen, zum Ausruhen und Geniessen, zum Neues entdecken.

„Ihr liefet gut“

loipe3

Gut, dass es diese Spur gibt. Man braucht ihr nur zu folgen. Beim Laufen schweifen meine Gedanken zu manchen Freunden und Bekannten, die scheinbar oder auch offensichtlich nicht mehr in der Spur geblieben sind. Die einen guten „Start“ in Glaubensdingen hingelegt haben, voll motiviert und begeistert ihrem „Heiland“ nachfolgten, dann aber – irgendwie, irgendwann – von der Spur abkamen. Sich eigene Ziele setzten. Und dabei im Tiefschnee des Lebens gar nicht mehr vorankommen. Die Werte, für die sie einmal einstanden, haben sie ad acta gelegt. Verbindlichkeit in einer Beziehung? Eheversprechen einhalten? Arbeit als Lebensunterhalt oder Karriere mit Totalverlusten links und rechts? Das Buch der Wegweisung zum ewigen Leben, welches sie gerne entdeckten und so spannend fanden liegt jetzt als Moralbuch verstaubt im Schrank. „Der da oben“ mag lenken und leiten, wen er will – nur nicht mehr sie…

Paulus hat einmal in dem Brief an die Galater diesselbe Frage aufgeworfen:

„Ihr lieft gut. Wer hat euch gehindert, der Wahrheit zu gehorchen?“ (Kap. 5,7)

Die Galater hatten ebenfalls einen guten Anfang im Glaubensleben gemacht, liessen sich aber dann „zurückfallen“, indem sie gesetzliche Auflagen zum Glauben dazu akzeptierten. Vorschriften aus alttestamentlicher zeit sollten den gleichen Stellenwert wie die Glaubensinhalte haben, die Jesus vermittelt hatte. Und Paulus muss es beklagen, dass ihr „Lauf“ einmal gut war. Dann stellt er diese Frage , woran es wohl lag, dass sie vom Weg abgekommen waren. Es ist – wie ich finde – eine sehr gute Frage, die eigene Position neu zu bestimmen…

Blind

Auf dem Rückweg, als der Sturm immer mehr Schnee ins Gesicht peitschte und die Beine langsam schwer wurden, nahm ich mir (wieder einmal) vor, in Zukunft mehr Sport zu treiben. Damit ich in Zukunft diese Distanz schneller und kräftiger zurücklegen könnte.

Kurz vorm Ziel kamen uns zwei Skifahrer entgegen, die nebeneinander liefen. Der eine, ein Mann, hatte gross und deutlich die Aufschrift auf seinem Anorak: „Blind“ und dazu waren noch die Blindenpunkte abgebildet. Neben ihm lief seine Frau, die sich ständig mit ihm unterhielt und den Weg bzw. die nächsten Meter erklärte. Diese Begegnung liess mich leiser werden in meiner eigenen Befindlichkeit. Ich war nur kaputt vom ungewohnten Laufen – diese Leute hatten wirkliche Probleme.

Das machte mich selbst wieder dankbarer für all das, was in meinem Leben gut läuft…

Fotos: A. Meissner

Advertisements