Mauerfall am 9. November 1989

An diesen Abend kann ich mich noch gut erinnern. Ich hatte meine Reisetasche gepackt, denn am nächsten Morgen wollte ich mit Freunden auf eine Bibeltagung nach Halle/Sa fahren. Ziemlich spät sind wir dann ins Bett gegangen und hörten noch kurz vor dem Einschlafen die letzten (DDR-) Nachrichten im Radio: „In Zukunft soll es für alle Bürger möglich sein, ein Reisedokument zu beantragen, welches es ihnen ermöglicht, auch in nichtsozialistische Länder einzureisen.“ So ähnlich habe ich es noch im Ohr. Was ich nicht wusste: Zu diesem Zeitpunkt hatten schon jede Menge Leute in beide Richtungen die Grenze in Berlin überschritten…

Rückblick

Aufgewachsen in Thüringen mitten im Süden der DDR bekam ich zunächst wenig mit von dem gleichsprachigen Nachbarn im Westen. Natürlich prägte die komplette Agitation über Kindergärten, Schule, Ausbildung und Berufsalltag auch oft die Ausrichtung des Denkens. Als jüngerer Mensch ist man ja so leicht manipulierbar…

Allerdings merkten wir als Familie durch unsere christliche Lebensausrichtung auch schnell die Toleranzgrenzen des ostdeutschen Systems. Nicht Mitglied in den Pionieren, nicht in der Freien Deutschen Jugend (Kinder- und Jugendorganisationen) und auch später kein Bedarf, in eine der zugelassenen Parteien einzutreten – das war suspekt, passte nicht zu den angestrebten 100 % Mitgliedschaft zu bestehenden Organisationsformen und hatte etliche Nachteile zur Folge…

So richtig wurde es erst spannend, als ich nach Oranienburg – nördlich von Berlin – zog und dort durch die „West-Verwandten“ meiner Frau vermehrte Kontakte mit dem anderen Teil Deutschlands hatte. Durch Gespräche und Austausch wurden die Gegensätze zwischen den beiden deutschen Staaten immer deutlicher. Auf der einen Seite die Freiheit in Presse und Meinung und die Prinzipien der Marktwirtschaft – auf „unserer“ Seite die nicht funktionierende Planwirtschaft, gekoppelt mit der „Diktatur des Proletariats“, der Unfreiheit der Meinungsäußerungen und der perfekt manipulierten Überwachung…

Unkaputtbar

Aber das System schien fest geschrieben zu sein in alle Ewigkeit – so dachten wir oft. Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 und dessen blutige Niederschlagung durch Volkspolizei und sowjetisches Militär, der Ungarnaufstand 1956 mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen als auch die militärische Intervention der sowjetischen Truppen und des Warschauer Pakts im August 1968 in die damalige Tschechoslowakei – all das manifestierte ein System, welches Veränderungen und demokratische Öffnungen mit Waffengewalt gegenüberstand. Es war so, wie es war. Und es würde so bleiben.

Die Marxisten sagten: „Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis“ – und tatsächlich, im „real existierenden Sozialismus“ nahmen die Mangelerscheinungen immer mehr zu. Veränderungen bahnten sich an. Und dazu der ständige Vergleich mit dem Nachbar-Land, in welchem dieselbe Sprache gesprochen wurde.

Viele kleine Wunder

Noch gut erinnere ich mich an die neuen Vokabeln aus der Sowjetunion. Plötzlich geisterten solche Begriffe wie Glasnost und Perestroika durch die Alltagsgespräche. Michail Gorbatschow sorgte in der UdSSR für neue Ideen und neuen Wind. Das hatte auch bis zu uns an die Spree Auswirkungen. Und immer mehr wurde auch über Reisefreiheit diskutiert. Bürgerrechtsbewegungen entstanden, die ersten Zahlen der Flüchtlinge über Ungarn nach Österreich wurden bekannt, die Montagsdemonstrationen etablierten sich. Aber Erich Honecker hielt nach wie vor an seinem Slogan fest: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“ Und tatsächlich – er konnte ihn nicht mehr aufhalten, den Lauf, der zu Ende ging…

Am 07. Oktober 1989 wurde in Berlin noch pompös der 40. Jahrestag der DDR gefeiert. Elf Tage später trat Erich Honecker zurück. Diese Zeit war für uns unheimlich spannend. Täglich Berichte über Demonstrationen im eigenen Land, zunehmende Flüchtlingswellen, Rücktritte von Mitgliedern des Ministerrates und Politbüros – und (noch) kein Eingreifen der Polizei und Armee gegen die aufmüpfige Bevölkerung. Davor hatten wir alle Angst.

Der 10. November

An dem Morgen, als wir zu unserer Konferenz fahren wollten, holte ich einen Freund von zu Hause ab. „Andreas, weißt du, dass unser Sohn heute Nacht in Westberlin war?“ begrüßte er mich. Und er erzählte, dass die Mauer offen sei. Ich konnte es nicht glauben! Noch ein anderer Fahrgast stieg zu und wir fuhren nach Berlin, weil dort der letzte der Fahrgemeinschaft auf uns wartete. Unterwegs hörten wir diverse Nachrichten und tatsächlich – in der Nacht waren die Grenzen aufgegangen. Unfassbar! Als wir auf der Schönhauser Allee in Richtung Grenzübergang Bornholmer Strasse fuhren, parkten überall wild auf den Gehwegen, teilweise halb auf den Strassen und Kreuzungen Autos. Und keine Polizei zu sehen. Vom Grenzübergang kamen uns Menschenscharen entgegen. Und in Richtung Grenze waren ebenfalls jede Menge Passanten unterwegs. Und dann sahen wir die berühmte Bösebrücke vor uns, an der ich oft sehnsuchtsvoll gestanden hatte: Nur einmal da hinüberlaufen können…

Als wir kurz vor der Brücke waren, winkten uns Polizisten freundlich (!) zum Übergang durchzufahren. Aber da wir ja den Tag anders geplant hatten, fuhren wir dort nur vorbei. (Noch heute ärgere ich mich darüber, dass wir in dieser Situation so unflexibel waren).

Auf der anschließenden Fahrt nach Halle und auch während der Bibelkonferenz beschäftigte uns die Grenzöffnung natürlich sehr, obwohl wir zu dem Zeitpunkt wohl noch gar nicht erfassten, welche Auswirkung dieser Tag auf unser persönliches Leben und auch auf die DDR haben würde.

Ich selber bin dann mit meiner Familie einige Tage später zu unseren Verwandten nach Berlin-Steglitz gefahren. Es war auch dann noch ein unheimlich emotionales Erleben! Endlich einmal dort zu fahren, laufen und zu schauen, wohin man unter „normalen“ Umständen niemals hingekommen wäre!

Und Gott?

Aus dem Motto „Wir sind das Volk!“ wurde später „Wir sind ein Volk!“ und in enormer Schnelligkeit kamen erst die Währungsunion und dann die deutsche Einheit. 45 Jahre Nachkriegstrennung eines Volkes waren zu Ende. Grund genug, Gott für solche Güte zu danken. Die Trennung eines Volkes in zwei Staaten konnten wir gut als Folge Der Naziherrschaft sehen, die Gottes eigenes Volk – seinen „Augapfel“ – angetastet hatten.

Sacharja 2,12: Er sagt zu euch: »Wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an!«

Aber dass es wieder einmal ein vereintes Deutschland geben würde, das hatten wir nicht erwartet. Viele Faktoren mussten zusammenkommen, ein begrenztes Zeitfenster geöffnet und Regierungen vorbereitet werden – all das konnte nur durch Gottes eigene Eingreifen funktionieren.

Deshalb bin ich trotz hoher Arbeitslosigkeit, trotz vieler anderer Probleme im Alltag unserer Republik von Herzen dankbar, dass die ehemalige Mauer fiel und Gott uns als Volk wieder zusammengebracht hat!

Advertisements