Vor einigen Jahren wagten wir uns einmal an ein Experiment, zu dem wir Freunde einluden. Was diese vorher nicht wussten: Wir wollten einen gemeinsamen Abend nur im Dunkeln verbringen. Dazu bereiteten wir den Esstisch mit Speisen und Getränken vor und liessen alle Jalousien herab. Aber das Wohnzimmer total dunkel zu bekommen, war gar nicht so einfach. Jede LED-Lampe z.B. vom Telefon leuchtete wie ein Scheinwerfer in der Dunkelheit. Nun ja, mit einigem Aufwand war es dann stockfinster im Raum. Die Gäste konnten kommen…

 

Blind-Dinner

 

Es dauerte ziemlich lange, ehe dann jeder seinen Platz am Tisch gefunden hatte und wir  mit dem Abendessen beginnen konnten. Schwierig, schwierig. Wo stand noch mal der Topf mit der Vorsuppe? Und wie schenkt man Getränke in ein Glas, wenn man so gar nichts sieht? Mit der Zeit ging es dann besser, denn wir lernten, zum einen, unsere Bedürfnisse zu artikulieren und zum anderen, Hilfe von den anderen anzunehmen. Das war schon mal eine gute Lektion in Sachen Kommunikation… 

Der Abend war ein eindrückliches Erleben. Wir bekamen unter anderem nicht mit, dass einer unserer Söhne sich zwischenzeitlich entfernte, um in seinem Zimmer am Computer zu spielen. Manches Kleidungsstück hatte sein Aussehen auch „verändert“. Und: Als wir das Licht wieder anmachten, waren wir alle ohne Ausnahme froh, wieder richtig sehen zu können! 

 

Taube Ohren


Der Mann in der folgenden Geschichte bei Jesus konnte sich nicht aussuchen, ob er mal sehen konnte und mal nicht. Er war taub und die Fähigkeit zum Reden waren bei ihm minimal ausgebildet. 

31 Jesus verließ die Gegend von Tyrus wieder und ging über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Zehnstädtegebiet.
32 Dort wurde ein Mann zu ihm gebracht, der taub war und kaum reden konnte; man bat Jesus, ihm die Hand aufzulegen.
33 Jesus führte ihn beiseite, weg von der Menge. Er legte seine Finger in die Ohren des Mannes, berührte dann dessen Zunge mit Speichel,
34 blickte zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Mann: »Effatá!« (Das bedeutet: Öffne dich!)
35 Im selben Augenblick öffneten sich seine Ohren, seine Zunge war gelöst, und er konnte normal reden.
36 Jesus verbot den Leuten, jemand etwas davon zu sagen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
37 Die Menschen waren vor Staunen ganz außer sich. »Wie gut ist alles, was er getan hat!«, sagten sie. »Er gibt sogar den Tauben das Gehör und den Stummen die Sprache wieder.«  (aus Markus 7,31-37)  


Fünf Sinne

 

Im Allgemeinen sprechen wir von fünf menschlichen Sinnen:

1.      Sehen (Visuelle Wahrnehmung)

2.      Hören (Auditive Wahrnehmung)

3.      Riechen (Olfaktorische Wahrnehmung)

4.      Schmecken (Gustatorische Wahrnehmung)

5.      Fühlen, Tasten (Haptische Wahrnehmung) 

 

Wir benötigen diese Sinne ganz stark. Sie sind überlebenswichtig. Sie zeigen uns Eigenschaften von Dingen oder Lebewesen, warnen uns und helfen uns, eine Auswahl z.B. bei Speisen zu treffen. (einem Fliegenpilz sehen wir es an, dass er uns nicht bekommen würde…)

Fällt ein Sinn oder eine Fähigkeit (z.B. Sprechen) oder mehrere aus, wird es schwierig. Wie soll ich mich dem anderen verständlich mitteilen, wenn der – sagen wir – taub ist und ich nicht sprechen kann? Ich erkenne bei Blindheit nicht, welche Mimik die Aussagen meines Gegenüber begleiten, ob er sich freut oder traurig ist. Behinderungen sorgen dafür, dass ich nicht mehr zu 100 Prozent am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, ja, sogar zur Last werde. Sozusagen sozial inkompatibel… 

 

Heilung 

 

Der behinderte Mann wurde durch Jesus auf – zugegebener Weise – unorthodoxe Art geheilt. Fremden Speichel auf der Zunge ist nicht jedermanns Sache. Aber das war ihm egal. Wie froh muss er gewesen sein, wieder hören und reden zu können. So kommunizieren zu können, wie die Anderen auch brachte ihm schlagartig einen grossen Zugewinn an Lebensqualität. Und seinem Umfeld natürlich auch. Gleichzeitig war ihm bis an sein Lebensende bewusst, dass die Heilung nur durch diesen Rabbi, diesen Jesus geschehen war. Da konnte keinerlei Zweifel aufkommen…

 

Gibt es einen sechsten Sinn?

 

Die Forscher meinen – je nach Definition – dass es weitere Sinne gibt. Man spricht zum Beispiel vom Gleichgewichtssinn. 

Ich glaube, dass es einen 6.Sinn gibt. Es ist die Fähigkeit, Kontakt mit Gott aufzunehmen, zu ihm zu sprechen oder ihn zu hören. Da Gott uns Menschen nach seinem Bilde schuf, „baute“ er auch die Fähigkeit ein, dass wir miteinander kommunizieren und uns austauschen können. Schöpfer und Geschöpf. Gott und Menschen. 

 

Nur – leider geht uns oft diese Fähigkeit, Gott zu sehen, zu hören, wahrzunehmen verloren oder wir haben soviel Lärm um uns herum, dass wir seine leise Stimme kaum oder nicht wahrnehmen. Oder unsere Augen durch Werbungsplakate, Videoeffekte und aufreizende Mitmenschen dermassen gefangen werden, dass wir die grandiose Schönheit einer Margarite, den betörenden Duft einer Rose oder anderen genialen Dingen in der Schöpfung Gottes gar nicht mehr wahrnehmen. Wir sind in unserer Welt Gefangene unserer Behinderung – des Unvermögens, mit dem Allmächtigen fruchtbaren Kontakt aufzunehmen, Gemeinschaft zu haben, aneinander Freude zu haben. 

 

Vielleicht muss Jesus auch bei uns manchmal seufzen, ehe er uns diese oft verlorengegangenen Fähigkeiten, den 6.Sinn wieder aktiviert. Aber es wäre doch erstrebenswert, sich entweder von anderen den Weg zu Gott wieder neu zeigen zu lassen oder selbst Mühe auf sich zu nehmen, diesen heilenden Kontakt zu suchen. 

 

Sicher gehen uns danach wieder die Augen auf. Oder die Ohren. Über die Grösse und Allmacht Gottes. Denn solche Heilungen passierten nicht nur zu alten Zeit in Palästina. Gott ist zu allen Zeiten derselbe, auch in unserer modernen mitteleuropäischen Gesellschaft…

 

Foto: A. Meissner

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