Bei solchen Nachrichten kann ich im Innern nicht ruhig bleiben. Solche Informationen gehen mir nach. Manchmal tagelang.

Vielleicht ist es auch nur der Reiz des Aussergewöhnlichen, der mich nicht loslässt? Vielleicht ist es auch gar keine echte Anteilnahme? Wer kennt schon die Tiefe seines eigenen Herzens…?

Es geht um Mike, 29 Jahre alt. Oder sollte man besser sagen – jung? Sein Leben ist  kompliziert, schwer, abhängig. Von Drogen. Deshalb hat er keinen regelmässigen Arbeitsplatz. Eine Wohnung kann er sich schon gar nicht leisten.

Wo er sich aufhält? Und dann doch übernachtet? Am Hauptbahnhof Düsseldorf. In einem Schliessfach…

Richtig gelesen – in einem Gepäckschliessfach, wie wir es alle von unseren Reisen kennen, wenn wir den Koffer mal für ein paar Stunden unterstellen wollen. 50 Zentimeter breit, 60 hoch. Wie ein Mann da überhaupt reinpasst? Die Tür zieht er heran, lässt sie einen Spalt offen. Schliesslich braucht er ja auch im Schlaf Luft. Er selber fand es nicht lustig, als Jugendliche ihn schon mal eingeschlossen haben. Da wurde die Luft knapp…

Eines seiner Probleme sind die 200 Strafanzeigen. Die Bahn verklagt ihn immer wieder auf Hausfriedensbruch. Die Post kommt an, kennt doch die Bahn seine Schliessfachnummer.

Jetzt soll er in den Knast. Neun Monate. Seine Probleme, seine Drogenabhängigkeit, seine Krankheiten (HIV positiv, Hepatitis) werden dabei nicht verschwinden. Vielleicht wird es sogar noch schlimmer. Das Einzige – er hätte eine Bleibe, die grösser wäre als sein Schliessfach.

Wie gesagt, mich lassen solche Schicksale nicht los. Ich frage mich, ob es keine Wege seitens der Behörden oder von Hilfsorganisationen gibt, ihm zu helfen. Wenn er sich denn helfen lassen würde…

Und ich frage mich, ob ich selbst, wenn ich in Düsseldorf leben würde, bereit wäre, meine Wohnung mit ihm zu teilen, ihn bei mir aufzunehmen? Schliesslich ist er drogenabhängig, braucht am Tag 200 Euro für Heroin und Kokain und würde mich damit sicherlich überfordern.

Jesus hat einmal gesagt: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen.“ Das geht mir nicht aus dem Kopf. Gott sorgt dafür, dass eigentlich immer genügend zum Leben da ist. Er will nicht, dass wir Mangel leiden. Weder körperlich noch seelisch. Aber woran liegt es, dass es trotzdem so gravierende Unterschiede im Leben gibt? Sicher, mancher nimmt sich vom „Kuchen“ rabiat sein grosses Stück, andere können sich nicht so durchsetzen.

Aber ich glaube, dass es trotzdem möglich ist, dass Menschen nicht dermassen extrem benachteiligt vegetieren müssen. Liegt es an Mike, dass er seine Chancen bisher verspielte? Oder auch an uns Christen, dass wir uns daran gewöhnt haben, dass Gottes Segen fast selbstverständlich für uns „Fromme“ zur Verfügung steht,  wir aber den Blick verloren haben, den Benachteiligten der Industriegesellschaft nachzugehen?

Ich habe keine Antwort. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass, wenn Jesus momentan auf der Erde leben würde, er am Abend im Schliessfach neben Mike einschlafen würde…

Foto: sundstrom, sxc.hu

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